Künstliche Intelligenz in der Unternehmensrestrukturierung – Teil 3
Ein Beitrag von Prof. (FH) Dipl.-Ing. Thomas Schmiedinger
Unternehmensrestrukturierung ist in hohem Maße Wissensarbeit. Sie ist geprägt durch die Verarbeitung großer Informationsmengen, hohen Zeitdruck sowie Entscheidungen mit erheblicher wirtschaftlicher und rechtlicher Tragweite. Berater, Geschäftsleiter und weitere Beteiligte müssen in kurzer Zeit Finanzdaten analysieren, Szenarien bewerten, Annahmen hinterfragen und Ergebnisse adressatengerecht kommunizieren. Der Engpass liegt dabei häufig weniger im fehlenden Wissen als vielmehr in dessen Aufbereitung, Strukturierung und Verarbeitung. In dieser Hinsicht lässt sich eine Parallele zur industriellen Revolution ziehen. Während im 18. und 19. Jahrhundert vor allem manuelle Arbeit durch Maschinen unterstützt und automatisiert wurde, steht heute zunehmend die Automatisierung geistiger Arbeit im Fokus. Generative KI adressiert genau diesen Bereich, indem sie Tätigkeiten der Wissensverarbeitung beschleunigt und skaliert.
Praktische Anwendung generativer KI in der Restrukturierungspraxis
Nachdem im vorhergehenden Abschnitt die unterschiedlichen Deployment-Formen generativer KI eingeordnet wurden, rückt nun der praktische Einsatz in Restrukturierungs- und Sanierungssituationen in den Mittelpunkt. Ziel dieses Abschnitts ist es, anhand typischer Aufgabenstellungen aufzuzeigen, wo und wie generative KI heute bereits sinnvoll eingesetzt werden kann – stets als unterstützendes Werkzeug und nicht als Ersatz fachlicher Bewertung.
1. Assistive KI als Anwendungslogik in Restrukturierungsfällen
Assistive KI beschreibt eine Nutzungshaltung, bei der generative KI gezielt zur Unterstützung wissensintensiver Arbeitsschritte eingesetzt wird. In Restrukturierungsprojekten betrifft dies insbesondere Tätigkeiten, bei denen große Mengen heterogener Informationen in kurzer Zeit gesichtet, strukturiert und verdichtet werden müssen. Typische Anwendungsfelder finden sich entlang des gesamten Restrukturierungsprozesses.
Ein häufiges Einsatzszenario ist die Analyse umfangreicher Dokumente, etwa von Lieferanten- und Kundenverträgen, Finanzierungsvereinbarungen oder internen Berichten. Generative KI kann solche Dokumente zusammenfassen, relevante Klauseln hervorheben oder wiederkehrende Muster identifizieren. In der Praxis ermöglicht dies, sich schneller einen Überblick über Risiken, Abhängigkeiten oder Handlungsspielräume zu verschaffen, ohne die detaillierte juristische oder wirtschaftliche Prüfung zu ersetzen. Im eigentlichen Sinne fungiert das KI-System als Kommunikator für den Austausch mit vielen und heterogenen Daten.
Auch bei der Aufbereitung und Verdichtung von Finanzinformationen kann assistive KI unterstützen. Plan- und Ist-Zahlen aus unterschiedlichen Quellen lassen sich strukturiert zusammenführen, kommentieren und in Varianten darstellen. Beispielsweise können Abweichungsanalysen vorbereitet oder Liquiditätsentwicklungen auf Basis vorhandener Daten erläutert werden. Die Verantwortung für Annahmen, Plausibilisierung und Interpretation verbleibt dabei ausdrücklich beim Beratenden oder Entscheidungsträger.
Ein weiteres relevantes Einsatzfeld ist die Vorbereitung von Berichten und Präsentationen. Management-Summaries, Statusberichte oder Entwürfe für Sanierungskonzepte können strukturell vorbereitet und sprachlich konsistent ausgearbeitet werden. Dies reduziert den manuellen Aufwand und schafft Freiräume für inhaltliche Diskussionen und strategische Entscheidungen.
2. Prompting als praktisches Steuerungsinstrument
Damit assistive KI in diesen Anwendungsfeldern einen tatsächlichen Mehrwert liefert, ist ihre gezielte Steuerung entscheidend. Prompting fungiert dabei als methodisches Instrument, mit dem Aufgaben präzisiert, Erwartungen definiert und Ergebnisse eingegrenzt werden.
a) Assistive Nutzung von Conversational Agents im Berufsalltag
Ein zentraler Mehrwert generativer KI liegt nicht allein in der Bearbeitung einzelner fachlicher Aufgaben, sondern in der Möglichkeit, KI als dialogischen Begleiter im beruflichen Alltag einzusetzen. Conversational Agents und Chatbots sind in der Lage, ihre eigenen Funktionen, Einsatzmöglichkeiten und Grenzen im Dialog zu erläutern und sich damit schrittweise an die Bedürfnisse des Anwenders anzupassen.
Für Restrukturierungsberatende bedeutet dies, dass KI nicht nur Ergebnisse liefert, sondern auch bei der Erschließung ihrer eigenen Nutzung unterstützt. Anwender können etwa formulieren: „Hilf mir, KI sinnvoll in meinem Arbeitsalltag als Restrukturierungsberater einzusetzen“, oder „Welche Aufgaben in einem Restrukturierungsprojekt eignen sich besonders für KI-Unterstützung?“ Der Chatbot kann daraufhin typische Einsatzfelder vorschlagen, Beispiele nennen und auf Risiken oder Grenzen hinweisen.
Diese Form der Interaktion stellt einen qualitativen Unterschied zu klassischen Software-Werkzeugen dar. Während bei einem Tabellenkalkulationsprogramm wie Excel die Bedienlogik vorausgesetzt wird und Anwender sich Funktionen aktiv aneignen müssen, kann ein Conversational Agent seine Nutzung im System selbst erklären. Es ist nicht möglich in eine Tabellenzeile zu schreiben, wie Excel zu verwenden ist; bei KI-Systemen hingegen ist genau dies Teil der Funktionalität.
Damit wird generative KI zu einer niedrigschwelligen Schnittstelle zwischen Anwender und komplexen digitalen Werkzeugen. Gerade für neue Anwendungsfälle oder ungeübte Nutzende erleichtert dies den Einstieg erheblich und fördert eine iterative, lernende Nutzung. In der Restrukturierungspraxis kann dies dazu beitragen, Beratende schrittweise an geeignete Einsatzszenarien heranzuführen und den produktiven Einsatz von KI nachhaltig zu verankern.
PRAXISHINWEIS
Einstieg über den Dialog
Conversational Agents eignen sich besonders für den Einstieg in die KI-Nutzung. Praktiker sollten KI zunächst gezielt fragen, wie sie in typischen Restrukturierungsaufgaben unterstützen kann (z. B. Analyse, Strukturierung, Vorbereitung von Berichten). Dies senkt die Einstiegshürde und fördert ein realistisches Verständnis von Leistungsfähigkeit und Grenzen.
b) Kontextbasiertes Prompting: Ausformulierung entlang eines vorgegebenen Rahmenwerks
Ein besonders praxisrelevanter Anwendungsfall kontextbasierten Promptings ist die Ausformulierung von Texten auf Basis vorgegebener Strukturen und Stichpunkte. In der Restrukturierung ist die inhaltliche Gliederung regelmäßig durch etablierte Rahmenwerke vorgegeben, etwa durch IDW S 6, StaRUG-Logiken oder bankübliche Sanierungsschemata. Die eigentliche Herausforderung liegt häufig in der konsistenten und verständlichen Ausformulierung der einzelnen Gliederungspunkte.
Generative KI kann hier gezielt unterstützen, indem sie vorhandene Stichpunkte, Analyseergebnisse oder Notizen in zusammenhängende Textentwürfe überführt. Voraussetzung ist, dass der Kontext klar definiert wird. Dieser umfasst zum einen das zugrunde liegende Rahmenwerk und zum anderen die unternehmensspezifischen Informationen.
Ein entsprechender Prompt könnte beispielsweise lauten:
„Nutze die folgende Gliederung gemäß IDW S 6 (Krisenstadium, Ursachenanalyse, Fortführungsprognose, Maßnahmen). Formuliere den Abschnitt Ursachenanalyse auf Basis der beigefügten Stichpunkte und Unternehmensinformationen sachlich und gutachtertypisch aus. Ergänze keine neuen Inhalte, sondern arbeite ausschließlich die vorgegebenen Punkte strukturiert aus.“
Auf diese Weise bleibt die methodische Struktur vollständig in der Verantwortung des Beraters, während die KI bei der sprachlichen Ausarbeitung, Verdichtung und Konsistenz unterstützt. Die Ergebnisse dienen als Arbeitsentwurf und müssen fachlich geprüft, ergänzt und final verantwortet werden. Solche Anwendungen eignen sich insbesondere für interne Arbeitsfassungen, Diskussionsgrundlagen oder die Vorbereitung formaler Berichte.
PRAXISHINWEIS
Strukturarbeit mit KI sinnvoll nutzen
Bei der Erstellung von Sanierungskonzepten, Gutachten oder Präsentationen sollte die inhaltliche Struktur weiterhin durch etablierte Rahmenwerke (z. B. IDW S 6, StaRUG-Logik oder bankübliche Sanierungsschemata) vorgegeben werden. Generative KI kann anschließend gezielt bei der Ausformulierung, Verdichtung und sprachlichen Konsistenz einzelner Gliederungspunkte unterstützen, etwa durch die Überführung von Stichpunkten in kohärente Textentwürfe. Die fachliche Verantwortung für Aufbau, Gewichtung und Argumentationslogik verbleibt jedoch beim Beratenden.
c) Reverse Prompting zur Identifikation von Informationslücken
Restrukturierungsberater sind regelmäßig mit Unternehmen aus sehr unterschiedlichen Branchen, Geschäftsmodellen und Krisensituationen konfrontiert. Gerade in frühen Projektphasen besteht dabei die Herausforderung, trotz begrenzter Informationen die richtigen Fragen zu stellen und branchenspezifische Besonderheiten systematisch zu erfassen. Reverse Prompting kann hierbei als methodisches Hilfsmittel dienen.
Beim Reverse Prompting wird die KI nicht aufgefordert, Antworten oder Lösungen zu liefern, sondern zunächst einen strukturierten Fragenkatalog zu entwickeln. Dieser Ansatz unterstützt insbesondere dann, wenn Berater sich in neue Branchen einarbeiten oder wenn vorhandene Informationen fragmentiert und unvollständig sind.
Ein entsprechender Prompt könnte beispielsweise lauten:
„Du bist ein erfahrener Restrukturierungsberater. Das Unternehmen ist ein mittelständischer Automobilzulieferer in einer Ertrags- und Liquiditätskrise. Welche Fragen müssen geklärt werden, um die Krisenursachen, die operative Leistungsfähigkeit und die Fortführungsfähigkeit des Unternehmens beurteilen zu können? Strukturiere die Fragen nach Markt, operativem Geschäft, Finanzen und Organisation.“
Die KI erzeugt daraufhin keinen Lösungsvorschlag, sondern einen strukturierten Fragenrahmen, der als Checkliste für Interviews, Datenanforderungen oder Workshops genutzt werden kann. Der Mehrwert liegt weniger im einzelnen Inhalt der Fragen als in der systematischen Abdeckung relevanter Themenfelder. Reverse Prompting hilft damit, blinde Flecken zu vermeiden, Annahmen offenzulegen und den Analyseprozess effizienter und konsistenter zu gestalten.
PRAXISHINWEIS
Fragen vor Antworten
Reverse Prompting ist besonders in frühen Projektphasen sinnvoll. Anstatt vorschnell Lösungen zu entwickeln, sollten Restrukturierer KI gezielt nutzen, um systematische Fragenkataloge zu erstellen – etwa zur Vorbereitung von Interviews, Workshops oder Datenanforderungen. Dies erhöht die Qualität der Analyse und reduziert das Risiko übersehener Themenfelder.
3. Einordnung externer Forschungsergebnisse zum KI-Einsatz in Sanierungsgutachten
Eine aktuelle Fachpublikation von Exler, Situm und Sieghartsleitner untersucht den Einsatz von KI bei der Erstellung von Sanierungsgutachten nach IDW S 6. Die Autoren analysieren auf Basis qualitativer Experteninterviews, in welchen Phasen der Gutachtenerstellung KI-gestützte Verfahren sinnvoll eingesetzt werden können und wo deren Grenzen liegen.
Die Studie bestätigt, dass generative KI insbesondere bei der Analyse großer Datenmengen, der Strukturierung von Krisenursachen sowie der Plausibilisierung von Annahmen unterstützend wirken kann. Als besonders geeignet werden vorbereitende Tätigkeiten wie
- Datensichtung
- Gliederung von Analyseabschnitten
- und die Zusammenfassung umfangreicher Unterlagen hervorgehoben.
Dadurch können zeitintensive Routinetätigkeiten reduziert und Kapazitäten für die eigentliche fachliche Bewertung freigesetzt werden.
Gleichzeitig betonen die Autoren die mit dem KI-Einsatz verbundenen Risiken. Die Aussagekraft der Ergebnisse hängt maßgeblich von der Qualität und Vollständigkeit der zugrundeliegenden Daten ab. Zudem weisen sie darauf hin, dass Restrukturierungsfälle regelmäßig individuelle Besonderheiten aufweisen, die sich nicht rein datengetrieben abbilden lassen. Eine unkritische Übernahme KI-generierter Inhalte könne daher zu Fehleinschätzungen führen.
Hervorgehoben wird schließlich die unveränderte Verantwortung des Gutachters. KI kann Analysen unterstützen und strukturieren, ersetzt jedoch weder die fachliche Beurteilung noch die Haftung. Die Autoren ordnen KI daher ausdrücklich als assistives Werkzeug ein, dessen Einsatz einer klaren methodischen Einbettung und kritischen Prüfung bedarf. Diese Ergebnisse stützen die in diesem Beitrag vertretene These, dass der Mehrwert generativer KI in der Restrukturierung vor allem in der Unterstützung wissensintensiver Arbeitsschritte liegt, nicht in der Automatisierung fachlicher Entscheidungen.
FAZIT & AUSBLICK
KI erweist sich in der Unternehmensrestrukturierung nicht als disruptiver Ersatz bestehender Methoden, sondern als Erweiterung des Werkzeugkastens. Ihr größter Hebel liegt in der Analysegeschwindigkeit, der systematischen Strukturierung komplexer Sachverhalte sowie der Unterstützung von Szenarien- und Variantenarbeit. Gerade in Situationen mit hohem Zeitdruck kann KI dazu beitragen, Entscheidungsgrundlagen schneller und konsistenter bereitzustellen. Die fachliche Bewertung, Priorisierung und Verantwortung verbleiben dabei unverändert beim Menschen.
Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz ist daher nicht die Auswahl eines einzelnen Tools, sondern die methodische Kompetenz im Umgang mit KI. Dazu zählen ein klares Verständnis der Einsatzlogik assistiver KI, die bewusste Wahl geeigneter Bereitstellungsformen sowie die Fähigkeit, Systeme über geeignete Prompting-Strategien zielgerichtet zu steuern. Nicht die Tool-Kenntnis, sondern das Zusammenspiel von Fachwissen, Prozessverständnis und KI-Unterstützung bestimmt den Nutzen in der Praxis.
Mit Blick auf die weitere Entwicklung ist eine zunehmende Integration von KI-Funktionalitäten in bestehende Anwendungen zu erwarten. KI wird immer weniger als eigenständiges System wahrgenommen, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Software-, Analyse- und Kommunikationswerkzeugen. Parallel dazu gewinnen Ansätze an Bedeutung, die es ermöglichen, generative Modelle gezielt mit unternehmensinternem Wissen zu verknüpfen und so passgenaue, kontextbezogene Unterstützung zu leisten.
Der häufig thematisierte Weg hin zu einer allgemeinen KI wirkt dabei vor allem als technologischer Treiber. Für die Restrukturierungspraxis ist jedoch absehbar, dass der konkrete Nutzen aus konsequent assistiver, spezialisierter KI-Nutzung entsteht. Nicht die Vision autonomer Intelligenz, sondern der verantwortungsvolle Einsatz unterstützender Systeme wird den praktischen Mehrwert bestimmen.
Generative KI unterstützt Restrukturierungsprozesse bei der Analyse großer Informationsmengen, strukturiert Inhalte und bereitet Entscheidungsgrundlagen unter Zeitdruck auf. Sprachmodelle und LLM-basierte Chatbots fungieren als Schnittstelle, ohne Verantwortung und fachliches Urteil zu ersetzen.
Die Wahl der Bereitstellungsform von KI beeinflusst Datenverarbeitung, Integrationsaufwand und Compliance. Cloud-, hybride und lokale Modelle unterscheiden sich in Kontrolle, Kosten und Datenschutz. In restrukturierungsnahen Kontexten entscheidet das Deployment über Governance und Zuständigkeit.
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Dies ist Teil 3 des Beitrages aus NWB 2026, Seite 47.
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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)
Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert zahlreiche Branchen, und die Steuerberatung ist keine Ausnahme.