Interview mit EY

Die steuertechnische Routine verliert an Bedeutung

Ordnerkabinett mit bunten Tabs und den Überschriften "Taxes". Bild: @pixelshot via canva.com

Ein Beitrag von Luise Stein

KI verändert den Steuermarkt rasant und die ganze Branche fragt sich: Wie sieht das Jobprofil eines Steuerexperten in Zukunft aus? Welche Kompetenzen in Zeiten von KI wichtig werden, welche an Bedeutung verlieren, und was Beratung künftig ausmacht, dazu hat JUVE Steuermarkt mit Jörg Brodersen, Steuerpartner, und Kathrin Hörnicke, HR-Expertin bei EY gesprochen.

Luise Stein

Luise Stein

Fachredakteurin @JUVE Steuermarkt
KI wirbelt den Steuermarkt durcheinander und wirkt sich auch auf Jobs und Aufgabenprofile aus. Welche neuen Rollen entstehen gerade durch KI in der Steuerberatung?

Jörg Brodersen: Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht, ob wir so viele komplett neue Rollen im Organigramm haben. Was sich aber ganz massiv verändert, sind die Aufgabenprofile. Und zwar deshalb, weil ein großer Teil der Tätigkeiten, die ein Steuerberater typischerweise macht, mittlerweile sehr gut durch KI ergänzt werden kann. Das betrifft drei große Felder: Die Tax Compliance, die steuerliche Beratung bei komplexen Fragen und die Beratung von Steuerfunktionen in Unternehmen. Bei all diesen Themen verändert KI unfassbar viel.


Können Sie das konkretisieren?

Brodersen: Unsere Rollen sind noch stark durch Fachwissen und Erfahrung getrieben. Fachliche Erfahrung war in der Vergangenheit das Allerwichtigste im Steuerrecht. Sobald man die Steuerberaterprüfung bestanden hat, konnte man per se Steuerrecht und dann kam es auf fachliche Erfahrung und Routine an. Das wird sich ändern. Vor allem eingefahrene steuertechnische Routine kann teilweise sogar zur Bürde werden, weil sie dazu führen kann, dass man in altem Prozessdenken verharrt und weniger innovativ denkt. Deshalb gehe ich davon aus, dass die reine steuertechnische Routine künftig eher an Bedeutung verliert.

Kathrin Hörnicke:
Ich würde ergänzen: Wir setzen weiterhin klar auf die bestehenden Rollen. Die klassische Steuerexpertise bleibt die Grundlage. Gleichzeitig bauen wir darauf auf. Wer steuerlich fundiert ausgebildet ist und zusätzlich technisches Verständnis mitbringt, erweitert sein Profil deutlich. Es entstehen zunehmend Schnittstellenrollen zwischen Steuer-Know-how, Technologie und Datenverständnis. In Zukunft werden wir daher stärker von KI-affinen Steuerberatern oder technologieorientierten Tax Consultants sprechen – nicht als Ersatz, sondern als Weiterentwicklung des Berufsbildes.

Organisation

EY Tax

EY unterstützt Unternehmen weltweit durch innovative Lösungen und technologiegetriebene Beratungsleistungen bei der digitalen Transformation ihrer Steuerabteilungen.

EY unterstützt Unternehmen weltweit durch innovative Lösungen und technologiegetriebene Beratungsleistungen bei der digitalen Transformation ihrer Steuerabteilungen.

Highlights

  • Effiziente Steuerberatung und Datenmanagement
  • Globale Steuerplanung und Compliance-Optimierung
  • Vertrauensvolle Prüfungsleistungen und Risikomanagement
  • Innovative Lösungen für digitale Transformation
Herr Brodersen, Sie sagen, Routine wird weniger wichtig. Frau Hörnicke, Sie sagen, Schnittstellen-Kompetenzen werden wichtiger. Aber gleichzeitig braucht es doch Erfahrung, um einzuordnen, was die KI vorschlägt. Wenn man nur schluckt, was die KI sagt, ist niemandem geholfen. Wie passt das zusammen?

Brodersen: Man muss zwischen Projekterfahrung und steuerlicher Routine unterscheiden. Die Projekterfahrung, die Erfahrung im Umgang mit Mandanten und Menschen – die wird definitiv bleiben und sogar noch wichtiger, gerade um Vertrauen bei Mandanten aufzubauen. Was weniger wichtig wird, ist die rein steuertechnische Routine. Ob ich eine Steuererklärung hundertmal oder zweihundertmal gemacht habe, wird künftig keinen großen Unterschied mehr machen. Vielleicht macht derjenige, der sie zweihundertmal gemacht hat, es sogar schlechter, weil er macht, was er schon immer gemacht hat – ohne zu überlegen, ob man mithilfe von KI und Technologieeinsatz die Prozesse neu denken kann. Nicht also die Erfahrung verliert an Bedeutung sondern die reine steuertechnische Routine. Entscheidend wird Projekterfahrung gepaart mit Technologieverständnis sein.

Hörnicke: Und natürlich ist es zentral, nicht nur Ergebnisse zu erzeugen, sondern auch die Fähigkeit zu haben, diese fachlich einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Das heißt: Steuerberater müssen weiterhin verstehen, auf welcher Datengrundlage eine KI zu einem Ergebnis kommt, um es bewerten, steuern und verantworten zu können.


Gibt es in der Steuerberatung in Zukunft noch Platz für Leute, die sagen: „Technologie ist nicht meins, damit will ich mich nicht beschäftigen“?

Brodersen: Das ist schwer vorstellbar. Es gibt sicherlich noch Platz, aber er wird deutlich kleiner werden. Ich sehe drei Bereiche. Erstens: Tax Compliance. Das geht schon heute nicht mehr ohne Technologie. Da geht es um Skalierung, um Effizienz. Zweitens: hochspezialisierte, sehr kreative Beratung. Die ist noch etwas KI-agnostisch, weil es hier kaum Daten gibt. Und ohne Daten keine KI. Dieser Bereich bleibt, wird aber eine spezielle Nische bleiben. Und dann gibt es den großen Bereich in der Mitte – ‚Day-to-Day Advice‘, nah an der Compliance, aber auch mit durchaus schwierigen steuerlichen Fragestellungen. Da erwarten wir durch KI die größte Veränderung. Und genau hier wird es schwierig werden für Mitarbeitende, die keine Technologieaffinität und vor allem keine Neugier haben, neue Dinge auszuprobieren.

Hörnicke: Die Steuerberatung bleibt hochrelevant, aber sie verändert sich. Darin liegt die große Chance für alle, die bereit sind, diese Entwicklung aktiv mitzugestalten. Die Zukunft wird digitaler, interdisziplinärer und zugleich stärker beratungsorientiert sein.
Brodersen: Das zeigt sich auch am Recruiting-Markt. Wir schauen anders auf Bewerbungsprofile. Die reine Fachkenntnis ist nicht mehr ganz so wichtig. Wir schauen bei Bewerbungen sehr genau: Ist das jemand, der innovativ denkt, neugierig ist und Lust hat, neue Prozesse auszuprobieren? Das ist im Steuerrecht noch etwas ungewöhnlich, weil viele Bewerber Steuerrecht an der Uni sehr schematisch gelernt haben. Jetzt müssen wir aus diesem schematischen Konzept ausbrechen und das Ganze viel mehr als Prozesse verstehen. Das ist eine ganz andere Denkweise, und damit tun sich auch junge Leute manchmal schwer.

Wie groß ist diese Veränderung für EY? Ist der Prozess HR-seitig eine der größten Veränderungen? Oder reden wir von einer strukturellen Weiterentwicklung, wie sie auch in der Vergangenheit immer wieder stattgefunden hat?

Hörnicke: Wir haben weiterhin unsere klassische ‚Rank-Struktur‘. Die Frage ist aber nicht nur, welche Profile künftig gesucht werden, sondern vor allem, wie unsere Consultants ausgebildet werden. Außerdem denken wir über alternative Karrierewege nach, insbesondere für diejenigen, die einen Technologiefokus mitbringen und sich spezialisieren wollen – nicht unbedingt nur Richtung Partner. Unser Fokus liegt darauf, wie wir intern ausbilden und wie wir unsere Mitarbeitenden auf diese Marktveränderung vorbereiten. Unser Learning- und Entwicklungskonzept passt sich kontinuierlich an – mit einem stärkeren Fokus auf Technologieverständnis, Datenkompetenz und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

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