Von ersten Tests bis zur Akzeptanz

ChatGPT als neuer Co-Worker – wie KI meinen Kanzleialltag verändert hat

Grauer Hintergrund mit Schriftzug Blog und Portraitbild des Autors. Bild: @tax&bytes

Ende 2022 begann mein erster Kontakt mit ChatGPT spielerisch: Die KI verfasste humorvolle Briefe für Mandanten, die im Team für Schmunzeln sorgten – nett, aber ohne nachhaltigen Nutzen. Das Interesse erlosch zunächst wieder, doch mit dem Release neuer Reasoning-Modelle Ende 2024, allen voran „o1“, änderte sich das grundlegend. Die Ergebnisse wurden plötzlich ernsthaft verwendbar. Anfang Januar 2025 beschloss ich daher, für mich und später die gesamte Kanzlei das Motto „KI FIRST“ auszurufen und die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz aktiv zu erproben.

🚶‍♂️Von ersten Gehversuchen zum echten Mehrwert

Der Praxistest zeigte schnell drei besonders lohnende Einsatzfelder: Antworten auf Anfragen des Finanzamts, Analysen von Betriebsprüfungsberichten und die proaktive Beratung von Spezialfragen. Besonders bei Finanzamt-Anfragen sank der Zeitaufwand erheblich – von durchschnittlich 45 Minuten auf oft weniger als 15 Minuten pro Vorgang. Betriebsprüfungsberichte konnten nun systematisch nach Risiken ausgewertet werden, was die Bearbeitung erheblich beschleunigte. Auch die Fehlersuche im anonymisierten Datenströmen verlief zunächst noch holprig, doch mit verbesserten Eingabeaufforderungen (Prompt Engineering) lieferten die Modelle zunehmend brauchbare Ergebnisse. Bereits nach wenigen Wochen zeigte eine erste interne Hochrechnung eine Zeitersparnis von etwa 30 Stunden pro Woche auf die gesamte Kanzlei – eine Produktivitätssteigerung, die ungefähr 0,75 Vollzeitstellen entsprach, verbunden mit einer sichtbar gesteigerten Qualität der Ergebnisse.

🤝 Skepsis überwinden – das Team einbinden

Natürlich war die Einführung der KI nicht frei von Bedenken. Einige Mitarbeitende sahen ihre Kompetenz oder gar ihre Position gefährdet. Um dieser Skepsis entgegenzuwirken, entschied ich mich, die KI gemeinsam mit dem Team zu erkunden. Zunächst arbeitete ich selbst intensiv mit den Modellen und zog dann gezielt Mitarbeiter hinzu, die direkt betroffen waren. Anhand konkreter Fälle erlebten wir gemeinsam, wie schnell und präzise ChatGPT Aufgaben lösen konnte. Die anfängliche Zurückhaltung wich rasch echter Begeisterung. Ergänzend schulte ich mein Team kompakt zu Modellarten, Prompt-Techniken und Datenschutzanforderungen (Stichwort EU-AI Act). Diese gemeinschaftliche Herangehensweise führte zu einer schnellen Akzeptanz der KI als hilfreichen Co-Worker in der täglichen Praxis.

Ein Schlüsselerlebnis war eine Totalüberschussprognose für einen landwirtschaftlichen Betrieb, der seit Jahren Verluste machte. Üblicherweise wäre diese Aufgabe zeitaufwändig gewesen. Doch durch gezielte Nutzung von GPT mit Vergangenheitsdaten und klarem Kontext erstellte ich innerhalb weniger Stunden eine professionelle Prognose, die das Finanzamt ohne Beanstandungen akzeptierte. Spätestens nach diesem Erfolg war klar: KI ist nicht nur ein Werkzeug, sondern ein echter Kollege, der uns effizient unterstützt.

❤️ Verantwortung und Qualitätskontrolle bleiben menschlich

Die Integration von KI in die Kanzleiarbeit bedeutet jedoch nicht, unreflektiert alle sensiblen Daten zu teilen. Wir etablierten daher strenge Datenschutzprozesse, anonymisierten relevante Informationen und nutzten bevorzugt strukturierte Daten, um Risiken zu minimieren. Vor jedem Einsatz der KI erfolgt ein kurzer interner DSGVO-Check.

Auch bei der Qualitätskontrolle zeigte sich, dass das menschliche Urteil unverzichtbar bleibt. Die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen und Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, bleibt entscheidend. Gerade in strategischen Beratungsfragen und komplexen Gestaltungsthemen vertrauen Mandanten weiterhin auf die persönliche Expertise des Steuerberaters. KI ergänzt hier hervorragend, ersetzt jedoch niemals das erfahrene menschliche Urteil.

🔮 Warum KI die Kanzlei der Zukunft prägt

Messbar wurde die positive Veränderung schnell: Die Stapel unerledigter Aufgaben schrumpften drastisch. Mithilfe kurzer Sprachnachrichten direkt nach Mandantengesprächen, die anschließend von der KI strukturiert wurden, konnten viele Anliegen noch am gleichen Tag beantwortet werden. Mandanten reagierten sehr positiv auf die beschleunigte Bearbeitung und die professionelle Qualität der Antworten. Teilweise merkten sie nicht einmal, dass KI mitgewirkt hatte. Die Kombination aus GPT und Beraterexpertise überzeugte zunehmend auch skeptische Mandanten.

Auch im Bereich Recruiting eröffnete KI uns ganz neue Perspektiven. Bewerberprofile konnten durch KI-gestützte Analysen schneller und genauer auf die jeweiligen Stellenanforderungen abgestimmt werden. Individualisierte Aufgaben und gezielte Entwicklungsmöglichkeiten stärken dabei das Employer Branding.

PRAXISTIPP

👉 Mein Rat für den Einstieg

Wer heute in der Steuerberatung zögert, sollte einfach starten. Ein kleines KI-Abo genügt, um erste Praxiserfahrungen zu sammeln. Zwei bis drei Stunden pro Woche reichen, um die Vorteile zu erkennen. Sobald die Grenzen des Einstiegsmodells erreicht sind, lohnt der Umstieg auf professionelle Varianten wie GPT- Pro. KI ist nicht nur für Steuerfragen hilfreich: Auch in Bereichen wie Gesundheitsmanagement, Gartenplanung oder Familienorganisation setzen wir inzwischen auf KI-Unterstützung.

Wer neugierig ist, wie sich KI konkret in der Kanzleipraxis bewährt, dem empfehle ich einen Besuch des NWB Steuerberater-Forums in Leipzig. Dort werde ich persönlich anhand konkreter Praxisfälle aufzeigen, wie KI als Co-Worker funktioniert, welche Prompt-Techniken sich bewährt haben und wie KI die tägliche Kanzleiarbeit nachhaltig verbessert. 

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Die Fachtagung thematisiert Kanzleistrategien, Digitalisierung, KI und Nachfolge und bietet Austauschformate sowie Teilnahme online oder vor Ort in Leipzig.

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