Vom Tool zur Gewohnheit

IT-Kompetenz: Was Steuerberater wissen müssen

Futuristischer Hintergrund mit Schriftzug "3 IT-Kompetenzen, die jeder benötigt" und Portraitbild. Bild: @tax&bytes

In Steuerkanzleien verändert sich gerade fast alles. KI verändert die Art, wie wir arbeiten. Die digitale Transformation verändert unsere Prozesse. Der Fachkräftemangel stellt uns vor die Herausforderung, wie viel Arbeit überhaupt noch auf klassischem Weg erledigt werden kann. Und auf Mandantenseite läuft gerade ein Generationenwechsel: Die nächste Unternehmergeneration erwartet andere Antworten, mehr Tempo und digitale Selbstverständlichkeiten, die für viele Kanzleien noch neu sind. Man kann das dramatisch finden, man kann es ignorieren oder man versucht, vor die Welle zu kommen. Bei awicontax stellen wir uns diese Frage ständig: Wie bleiben wir oben, wie bleiben wir beweglich, wie schaffen wir es, uns von Veränderungen nicht überrollen zu lassen, sondern sie für uns und unsere Mandantschaft zu gestalten?

Eine der wichtigsten Antworten wird sicher sein: Wir müssen unsere Kompetenzen den neuen Anforderungen anpassen. Und das beginnt nicht mit einem Coaching oder der nächsten Software, es beginnt mit der inneren Einstellung und den eigenen Gewohnheiten.

Aber jetzt erstmal von vorne: Wir müssen uns im ersten Schritt konkret die Frage stellen, welche Kompetenzen in Zukunft denn wirklich zählen und gebraucht werden.

Auf der Metaebene ist die Antwort erstaunlich einfach: Neugier, Offenheit, Auffassungsgabe und sicher eine gute Portion Frustrationstoleranz.

Die meisten digitalen Themen funktionieren nämlich nicht nach dem Prinzip Fortbildung besuchen, Zertifikat bekommen, fertig. Sie funktionieren eher wie Sport. Man wird fit, weil man regelmäßig trainiert. Genauso ist es mit KI, Automatisierung und digitalen Prozessen. Die neuen Arbeitsweisen entstehen nicht durch eine einzelne Schulung, sondern durch Wiederholung, durch Ausprobieren, durch kleine Erfolge im Alltag und durch das langsame Verändern der eigenen Denkweise. Also durch nachhaltige Veränderung unserer Arbeitsgewohnheiten. Und ohne Vorbild der Kanzleileitung bleibt der Wandel stecken.

Wenn die Kanzleileitung diese Veränderungen der Arbeitsweisen und den Fokus auf neue Kompetenzen nicht priorisiert, nicht vorlebt und sich selbst nicht aneignet, wird es kaum gelingen, sie in der Kanzlei zu verankern. Wer selbst keine Neugier zeigt, kann andere auch nicht begeistern. Und wer bei jedem neuen Tool innerlich schon aussteigt, darf sich nicht wundern, wenn das Team es nachmacht.

Digitale Kompetenz entsteht durch Übung, nicht durch Schulung

Ein Beispiel aus unserer eigenen Praxis: Wir haben unser Team sehr früh mit Zugängen zu KI-Sprachmodellen ausgestattet, geschult, Agenten angelegt, Skills vorbereitet usw. Wir haben alles versucht, den Einstieg so leicht wie möglich zu gestalten. Drei Monate später kam dann die ernüchternde Erkenntnis: Es wurde kaum genutzt.

Das war lehrreich. Denn die Einführung eines Tools ist noch lange kein Erfolgsgarant.

Zugang ist keine Gewohnheit, eine Schulung ist keine Veränderung, und ein KI-Agent ist noch kein Kulturwandel.

Also haben wir angefangen, in unseren wöchentlichen Teammeetings kleine „KI-Hausaufgaben“ zu verteilen: Teste bis nächste Woche diesen Agenten. Probiere diesen Use Case aus. Zeig uns dein Ergebnis, erzähl, was gut funktioniert hat und was nicht.

Das haben wir Woche für Woche durchgezogen … und dann passierte etwas Spannendes: Die Ergebnisse wurden besser, die Mitarbeitenden sicherer, und weil die Erfolge sichtbar wurden, stieg auch die Motivation. Plötzlich erkannten die Kolleg:innen im Arbeitsalltag immer mehr Anwendungsfälle von sich aus. Aus „Muss ich das jetzt auch noch machen?“ wurde „Kann mir KI hier helfen und wenn ja, wird es dadurch wirklich schneller oder besser?“

Genau an diesem Punkt beginnt aus meiner Sicht echte digitale Kompetenz. Nicht beim Tool, sondern beim Denken.

Drei Kompetenzen, die Kanzleien jetzt brauchen
1
Fachwissen bleibt der Qualitätsfilter

Natürlich gehört dazu auch ein klarer Rahmen. Gerade bei KI geht es nicht nur um Effizienz, sondern auch um Datenschutz, Berufsrecht, Quellenkritik und Ergebnisqualität. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Fachspezialist ein steuerliches Thema mit einem Sprachmodell bearbeitet oder ein Laie.

Die Qualität entsteht nicht allein durch die KI, sondern durch die Verbindung aus Fachwissen, guter Fragestellung, kritischer Prüfung und Erfahrung.

Das halte ich für eine der wichtigsten IT-Kompetenzen der Zukunft: einschätzen zu können, was ein digitales Werkzeug leisten kann und was nicht.

2
Schnittstellen verstehen, ohne Softwarehaus zu werden

Das gilt übrigens nicht nur für KI, sondern genauso für die Digitalisierung von Kanzlei- und Mandantenprozessen. Der Markt an Vorsystemen wächst rasant: Kassensysteme, Buchhaltungstools, Warenwirtschaft, E-Commerce-Plattformen, Zahlungsanbieter, Belegtools, Schnittstellenlösungen. Man kann das kaum noch alles im Detail kennen und ehrlich gesagt, muss man auch nicht.

Steuerkanzleien müssen nicht zu Softwarehäusern werden. Aber sie müssen genug verstehen, um gute Fragen zu stellen: Passt das System zur Prozesslandschaft des Mandanten? Gibt es eine saubere Schnittstelle zur Buchhaltung? Werden Daten vollständig, nachvollziehbar und prüfungssicher übertragen? Wo entstehen Medienbrüche, und wer ist verantwortlich, wenn Daten falsch oder unvollständig ankommen? Und ist das Tool wirklich eine Entlastung oder nur ein hübsches neues Problem?

3
Es braucht keine IT-Spezialist:innen

Und genau hier brauchen Steuerkanzleien künftig Kompetenz, nicht zwingend tiefes Programmierwissen, nicht zwingend eine eigene IT-Abteilung, aber ein gutes Grundverständnis für Datenflüsse, Schnittstellen, Prozesse, Risiken und Verantwortlichkeiten.

Meine persönliche Einschätzung: Nicht jede Kanzlei braucht eigene Tech-Spezialist:innen in Vollzeit. Aber jede Kanzlei braucht jemanden, der für diese Themen wirklich Zeit bekommt – als ernst gemeinte Aufgabe. Und das ergänzt durch starke externe Partner:innen, die technisch tief einsteigen können. Über den künftigen Erfolg einer Kanzlei entscheidet nicht allein die fachliche Qualität, sondern auch die Fähigkeit, Fachlichkeit, Technologie und Prozesse miteinander zu verbinden.

FAZIT

Die gute Nachricht: Man muss nicht alles auf einmal können, nicht jedes Tool kennen und auch nicht so tun, als würde einen jede neue Schnittstelle sofort begeistern. Aber man muss anfangen mit Neugier, mit Übung, mit klaren Regeln, mit Praxisbezug und mit dem Mut, neue Arbeitsweisen wirklich in den Alltag zu bringen. 

Am Ende wird IT-Kompetenz in Steuerkanzleien nicht daran gemessen, wie viele Tools man installiert hat. Sondern daran, ob sich das Denken verändert hat. 

Was Kanzleien jetzt prüfen sollten:

Wer in der Kanzlei bekommt verbindlich Zeit für KI-, Prozess- und Schnittstellenthemen?

Welche wiederkehrenden Aufgaben eignen sich für KI-Tests?

Wo entstehen heute Medienbrüche in Mandantenprozessen?

Welche Regeln gelten für Datenschutz, Quellenprüfung und Freigabe von KI-Ergebnissen?

Wie wird aus einer Schulung eine regelmäßige Arbeitsgewohnheit?

 


 
IM BEITRAG ERWÄHNTE TOOL-KATEGORIEN  
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