KI-Einführung, die alle mitnimmt: So gelingt es
KI wird in vielen Steuerkanzleien längst ausprobiert. Häufig beginnt es mit einzelnen Personen, die ChatGPT, Claude oder andere Tools testen, Texte entwerfen, Informationen sortieren oder erste Automatisierungen anstoßen. Das ist ein sinnvoller Start. Für eine echte Veränderung der Kanzleiarbeit reicht es aber nicht.
Genau darum geht es in der neuen Folge von TAX GOES DIGITAL – Der tax&bytes Podcast. Im Format TALKS spricht Ulf Hausmann von Kanzleipakt mit den Steuerberatern Carsten Schulz und Carsten Meyer darüber, wie KI aus der Einzelnutzung heraus in die Breite kommt. Die zentrale Erkenntnis: KI-Einführung ist kein normaler Software-Rollout. Sie braucht Raum zum Ausprobieren, klare Rahmenbedingungen, interne Lernformate und Führung, die Unsicherheit ernst nimmt.
Von einzelnen Power-Usern zur Kanzleistrategie
Am Anfang stand bei vielen Kanzleien das Experiment. Einzelne Mitarbeitende testeten ChatGPT, sammelten erste Erfahrungen und fanden schnell einfache Anwendungsfälle: Texte formulieren, Korrespondenz vorbereiten, Informationen strukturieren oder Excel-Listen aufbereiten.
Carsten Schulz beschreibt in der Folge sehr offen, dass zu Beginn auch bei HSP nicht alle Antworten feststanden: „Das ist Forschung und Entwicklung, was wir jetzt hier machen. Wir müssen jetzt einfach mal gucken, was uns das bringt.“
Genau diese Haltung prägt die Folge: KI lässt sich nicht allein am Reißbrett einführen. Kanzleien müssen Räume schaffen, in denen Mitarbeitende Erfahrungen sammeln können. Bei HSP bedeutete das früh: KI nicht nur einzelnen Personen zugänglich machen, sondern breit ausprobieren lassen – von den Auszubildenden bis zu den Berufsträgerinnen und Berufsträgern.
Rückblickend fällt das Fazit von Carsten Schulz deutlich aus:
2026 kann man sich das spätestens nicht mehr wegdenken. Stand heute würde ich sagen: Selbstverständlich brauchen es eben alle.
Akzeptanz entsteht nicht automatisch
Eine wichtige Erkenntnis: KI-Einführung ist kein reines Lizenz- oder Toolprojekt. Selbst wenn der technische Zugang geschaffen ist, bedeutet das noch nicht, dass alle Mitarbeitenden KI im Alltag nutzen.
Die Reaktionen in den Kanzleien waren gemischt. Viele Mitarbeitende reagierten neugierig und positiv, weil sie schnell erkannten, dass KI gerade bei weniger beliebten Aufgaben entlasten kann. Gleichzeitig gab es auch Skepsis: Sorge vor Überforderung, Unsicherheit im Umgang mit dem Tool, Bedenken zum Ressourcenverbrauch oder die Frage, ob KI langfristig Arbeit ersetzt.
Carsten Meyer bringt eine besonders wichtige Beobachtung auf den Punkt. Widerstand zeigt sich nicht immer laut, sondern manchmal sehr leise: „Pure Nichtnutzung.“ Wer unsicher ist, nutzt das Tool nicht – und spricht vielleicht auch nicht offen darüber. Genau deshalb braucht KI-Einführung Austauschformate, in denen Fragen, Unsicherheiten und schlechte Erfahrungen genauso Platz haben wie Erfolgsgeschichten. Gleichzeitig zeige sich, wie schnell KI im Alltag ankommen kann. Meyer berichtet aus seiner Kanzlei:
Viele Mitarbeiter sagen: Das ist das erste Tool, was ich morgens aufmache.
Wenn aus Experimenten Arbeitsalltag wird
Besonders interessant ist der Blick auf die Nutzungsentwicklung. Bei HSP wurde bereits im Herbst 2024 eine interne Umfrage durchgeführt. Dabei ging es unter anderem um Zeitersparnis und um die Frage, was passieren würde, wenn das KI-Tool wieder abgeschaltet würde. Das Ergebnis war deutlich: „Über 70 % haben gesagt: Katastrophe oder nah an einer Katastrophe.“ Für Schulz war damit klar, dass KI nicht mehr nur ein weiteres Werkzeug unter vielen war.
Gerade niedrigschwellige Anwendungsfälle wie Korrespondenz, Social Media-Inhalte oder die Strukturierung von Informationen können offenbar schnell so selbstverständlich werden, dass Mitarbeitende sie nicht mehr missen möchten.
Warum Schulungen und Austauschformate entscheidend sind
Kanzleien brauchen Formate, die KI aus der abstrakten Diskussion in den konkreten Arbeitsalltag holen.
Bei HSP wurden regelmäßige Schulungen eingeführt, um Anwendungsmöglichkeiten sichtbar zu machen und die Nutzung zu verbreitern. In der Kanzlei PAER von Carsten Meyer spielte unter anderem ein interner Hackathon eine wichtige Rolle. Teams konnten eigene Use Cases entwickeln, testen und anschließend vorstellen.
Der Vorteil solcher Formate liegt nicht nur in den Ergebnissen. Sie schaffen geschützte Lernräume. Im normalen Tagesgeschäft fehlt oft die Zeit, ein neues Vorgehen auszuprobieren. Wenn ein Prompt nicht sofort funktioniert, greifen viele wieder zur gewohnten Arbeitsweise. Ein Hackathon oder ein interner KI-Stammtisch gibt dagegen bewusst Raum für Versuch, Fehler, Austausch und gemeinsames Lernen.
Moderator Ulf Hausmann fasst diesen Punkt in der Folge sehr treffend zusammen:
Man muss Kommunikationsräume schaffen, wo es nicht darum geht, für Mandanten etwas abzuarbeiten, sondern wo man gemeinsam Dinge ausprobiert.
Das ist ein zentraler Gedanke: KI-Kompetenz entsteht nicht durch eine einmalige Einführung. Sie entsteht durch wiederholtes Anwenden, gemeinsames Reflektieren und konkrete Beispiele aus dem Kanzleialltag.
Welche Use Cases heute schon funktionieren
Die Folge zeigt auch, wo KI in Kanzleien bereits praktisch eingesetzt wird. Genannt werden unter anderem Berichtskritik im Prüfungs- und Erstellungsbereich, Checklisten, die Dokumentation von Prüfungshandlungen, die Aufbereitung von Excel-Listen oder PDF-Informationen sowie die Vorbereitung von Korrespondenz.
Gleichzeitig wird klar: Nicht jeder Use Case funktioniert sofort. Gerade bei fachlichen Recherchen bleibt Vorsicht geboten. Carsten Meyer weist darauf hin, dass Mitarbeitende bei fachlichen Antworten sehr genau hinsehen müssen. KI kann Arbeit erleichtern, beschleunigen und strukturieren. Sie ersetzt aber nicht die fachliche Verantwortung.
KI braucht Governance – und interne Kompetenz
Je stärker KI in Kanzleiprozesse eingebunden wird, desto wichtiger werden organisatorische Fragen. Welche Tools werden genutzt? Welche Daten dürfen eingegeben werden? Wer prüft die Ergebnisse? Wie werden gute Prompts, Custom GPTs, Agents oder interne Lösungen qualitätsgesichert?
Damit verschiebt sich die Aufgabe für Kanzleien. Es geht nicht mehr nur darum, ob Mitarbeitende KI nutzen dürfen. Es geht darum, eine belastbare KI- und Automatisierungsinfrastruktur aufzubauen. Dazu gehören Datenschutz, Verfügbarkeit, Kosten, fachliche Qualität, Verantwortlichkeiten und internes IT-Know-how.
Schulz benennt die Herausforderung klar: „Wir haben rechtliche Fragen, wir haben Governance-Fragen. Das überfordert natürlich schon viele.“ Gerade für kleinere Kanzleien kann das herausfordernd sein. Die Folge macht deshalb deutlich, wie wichtig Austausch, Netzwerke und gemeinsame Lernräume sind. Schulz’ Empfehlung lautet entsprechend: „Sucht euch Gleichgesinnte.“
Führung heißt auch: Ruhe in die Dynamik bringen
Die technische Entwicklung verläuft schneller, als Kanzleien sie organisatorisch umsetzen können. Genau daraus entsteht Unruhe. Neue Modelle, Funktionen und Automatisierungsmöglichkeiten erscheinen in kurzen Abständen. Gleichzeitig müssen Kanzleien Mandatsarbeit, Fristen, Datenschutz und Qualitätssicherung im Blick behalten.
Carsten Meyer beschreibt diese Dynamik sehr ehrlich: „Ich sehe tagtäglich das Problem, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe.“
Und er ordnet ein, dass Kanzleien erstmals stärker in einen Bereich hineinwachsen, der für viele bisher ungewohnt war: „Wir sind erstmalig in der Notwendigkeit, in Forschung und Entwicklung zu investieren.“
Daraus entsteht eine neue Führungsaufgabe. Kanzleileitungen müssen nicht jedem Trend sofort folgen. Aber sie sollten einen Rahmen schaffen, in dem die Kanzlei handlungsfähig bleibt: experimentieren, priorisieren, bewerten, schulen und entscheiden.
FAZIT
Mehr als ein Toolprojekt
Die Folge zeigt: KI-Einführung in Steuerkanzleien ist mehr als die Bereitstellung von ChatGPT Enterprise oder anderen KI-Lösungen. Sie betrifft Zusammenarbeit, Führung, Weiterbildung, Prozesse, IT-Kompetenz und Kanzleikultur.
Wer KI erfolgreich einführen will, sollte nicht nur fragen: Welches Tool nutzen wir? Sondern auch: Wie nehmen wir Mitarbeitende mit? Welche Aufgaben eignen sich wirklich? Wo brauchen wir klare Regeln? Wie schaffen wir Raum zum Ausprobieren? Wer kuratiert gute Lösungen? Und wie verhindern wir, dass KI-Kompetenz nur bei Einzelnen entsteht?
Wer wissen möchte, wie andere Kanzleien KI-Einführung konkret angehen, welche Formate funktionieren und welche Fragen Kanzleileitungen jetzt nicht mehr aufschieben sollten, sollte in die neue Folge von TAX GOES DIGITAL – Der tax&bytes Podcast reinhören.
Im Podcast für die digitale Steuerwelt, dreht sich alles um digitale Lösungen, neue Technologien und echte Praxiserfahrungen aus Steuerkanzleien, Steuerabteilungen und der Beratung.
Im Podcast für die digitale Steuerwelt, dreht sich alles um digitale Lösungen, neue Technologien und echte Praxiserfahrungen aus Steuerkanzleien, Steuerabteilungen und der Beratung.
Die Podcaster
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)
Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert zahlreiche Branchen, und die Steuerberatung ist keine Ausnahme.
KANZLEIMANAGEMENT
Software für das Kanzleimanagement hilft Steuerberatern bei Organisation, Mandantenverwaltung und internen Abläufen.
CHATBOTS
Chatbot-Software hilft Steuerberatern, Anfragen zu automatisieren und Prozesse effizienter zu gestalten.