Neue Preislogik für Kanzleien

KI drückt auf Honorarmodelle: Wenn Effizienz zum Problem wird

Leuchtende Kursgrafik vor unscharfer nächtlicher Stadtkulisse. Bild: @xijian von Getty Images via canva.com

Ein Beitrag von Stephan Mittelhäuser

KI steigert die Produktivität in der Steuerberatung, aber nicht zwingend den Ertrag. Eine aktuelle Studie zu den Geschäfts- und Honorarmodellen zeigt, dass häufig nicht die Technologie das größte Risiko birgt, sondern die Preislogik der Beratungshäuser.

Stephan Mittelhäuser

Stephan Mittelhäuser

Fachredakteur, Leiter @JUVE Steuermarkt

Auf den ersten Blick wirkt die Lage stabil: Laut einer Studie von format C: consulting rechnen mehr als 85 Prozent der befragten Kanzleien ihre Leistungen weiterhin überwiegend oder vollständig auf Basis der Steuerberatervergütungsverordnung (StBVV) ab. Doch der Blick täuscht, denn strukturelle Defizite bleiben verdeckt. Dass etwa jede zweite Einheit ohne schriftliche Vergütungsvereinbarung arbeitet, zeigt auch: Häufig fehlt die Grundlage für ein professionelles Honorarmanagement.

Gleichzeitig verändert der Einsatz von KI die ökonomische Logik der Leistungserbringung. Zeitintensive Tätigkeiten werden automatisiert und deutlich beschleunigt. Für ein Geschäftsmodell, das auf Zeitabrechnung basiert, ist das ein Problem. Die Produktivität steigt, doch dieser Fortschritt lässt sich nur begrenzt in höhere Erlöse übersetzen. Die zentrale Frage lautet: Gelingt es, die eigene Leistung in ein tragfähiges Preismodell zu übersetzen.

Besonders deutlich wird der Druck in der Finanzbuchhaltung und Steuerdeklaration. Hier rechnet eine deutliche Mehrheit der befragten Kanzleien mit gravierenden Folgen durch KI. Der Grund liegt auf der Hand: Standardisierte Tätigkeiten werden effizienter, vergleichbarer und damit preissensibler. Gleichzeitig verschiebt sich die Wahrnehmung von Wert: Der Preisdruck bei Standardleistungen steigt, die Zahlungsbereitschaft für Beratung bleibt deutlich stabiler. Die Mandanten zahlen nicht für die eingesetzte Zeit, sondern für Ergebnisse, Einordnung und Sicherheit.

Steuerungsinstrumente fehlen

Viele Kanzleien legen beim Einsatz von KI den Fokus auf Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung. Nur: Effizientere Prozesse stabilisieren kein Geschäftsmodell, dessen Preislogik unter Druck steht. Häufig fehlen grundlegende Steuerungsinstrumente: klare Honorarstrategien, definierte Leistungskataloge oder eine systematische Preismechanik.

Zwar gewinnen wertbasierte Honorare, Projektpreise, Pauschalen und hybride Modelle in der Steuerberatung an Bedeutung. Laut Studie versuchen jedoch viele Kanzleien, diese Ansätze innerhalb der Logik der StBVV zu lösen. Eigene Preismodelle, orientiert an Komplexität, Haftungsrisiko oder Beratungsmehrwert, haben bislang nur wenige Einheiten etabliert.

Manche Kanzleien setzen auf die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsfelder, etwa CFO-as-a-Service oder coachingbasierte Formate. Anders als klassische Pflichtleistungen entstehen diese Umsätze jedoch nicht automatisch. Sie müssen aktiv entwickelt und im Markt positioniert werden. Damit verändert sich auch das Selbstverständnis der Kanzleien: vom passiven Auftragsempfänger zum aktiven Anbieter von Beratungsleistungen.

Die Studie macht deutlich: Der technologische Wandel in der Steuerberatung hat längst begonnen, ökonomisch ist er vielerorts noch nicht vollzogen. Der Engpass liegt dabei nicht in der Technologie, sondern im Pricing. Oder anders: Nicht die Automatisierung setzt die Branche unter Druck, sondern die fehlende Anpassung der Honorarmodelle.

______________________



Gut informiert in der Steuerwelt! 
 Aktuell 📰. Exklusiv 🔍. Unabhängig ⚖️.

Neugierig geworden?

→ ZUR WEBSEITE

 


 
IM BEITRAG ERWÄHNTE TOOL-KATEGORIEN  
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)

Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert zahlreiche Branchen, und die Steuerberatung ist keine Ausnahme.

→ ZUR KATEGORIE

PROZESSAUTOMATISIERUNG

Durch Software-Einsatz können Steuerberater ihre täglichen Aufgaben effizienter gestalten und sich auf komplexere Beratungsleistungen konzentrieren.

→ ZUR KATEGORIE

Lauer BLOG 1920X1080px
Pflichten prüfen, KI-Einsatz dokumentieren

EU AI Act: Das müssen Steuerkanzleien jetzt umsetzen

Der EU AI Act ist seit August 2026 in weiten Teilen anwendbar. Steuerkanzleien sollten ihre KI-Systeme erfassen, Rollen und Transparenzpflichten prüfen und Maßnahmen zur KI-Kompetenz organisieren. Der Beitrag zeigt in sieben Schritten, was beim KI-Einsatz jetzt zu beachten ist.

PSP Taxgraph NEWS 1920X1080px
Recherche mit Primärquellen

PSP München & TaxGraph entwickeln KI-Research Engine

PSP München und TaxGraph entwickeln eine Research Engine für das deutsche Steuerrecht. Sie soll Sprachmodelle mit einem Knowledge Graph verbinden, Primärquellen nachvollziehbar machen und unterschiedliche Rechtsstände bei der steuerrechtlichen Recherche berücksichtigen.

Sandkühler BLOG 1920X1080px
Medienbruch im Nachlassmandat

Die Vollmachtsdatenbank kennt die Vollmacht, das Finanzamt nicht

Die Vollmacht ist in der VDB hinterlegt, Daten lassen sich abrufen – und trotzdem erkennt das Finanzamt sie nicht an. Ein Praxisfall zeigt, wo die Vollmachtsdatenbank bei Nachlassmandaten an Grenzen stößt und wie Kanzleien Verzögerungen bei Auskünften und Fristen vermeiden können.