„Es wird immer mehr hybride Teams geben“
Ein Beitrag von Jörn Poppelbaum
Stefan Groß ist einer der deutschen Experten für KI in der Steuerberatung. Aus Sicht des Partners von Peters Schönberger & Partner wurde gerade der wichtigste Entwicklungsschritt seit Veröffentlichung von ChatGPT gemacht. Welcher das ist, erklärt er im Interview mit JUVE Steuermarkt.
JUVE Steuermarkt: Sie haben in Ihrem Vortrag beim Berliner BDI Tax Forum von einem Erweckungserlebnis durch Claude Cowork gesprochen. Was hat Sie so außerordentlich beeindruckt?

Stefan Groß: Mich erinnert Claude Cowork an das Aufkommen von ChatGPT Ende Oktober 2022. Damals hat sich meine Sicht auf Technologie im Steuerbereich grundlegend verändert. Ich dachte seinerzeit, das war jetzt der ganz große Sprung und von nun an kommen nur noch sukzessive Veränderungen. Aber wenn ich mir jetzt ansehe, was Claude Cowork zu leisten imstande ist, dann hat das eine ähnlich starke Signalwirkung.
Was ist denn die große Veränderung?
Jetzt bietet sich die Möglichkeit, dass ich nicht mehr nur mit einem Tool arbeite, in das ich etwas eingebe, und ein Ergebnis bekomme. Mit Claude Cowork kann ich mir die KI ins Team holen und so die Idee von hybriden Teams in die Realität umsetzen. Das markiert einen klaren Wandel in der Art und Weise, wie wir mit KI arbeiten.
Das heißt, Sie knüpfen hier nicht nur an Inhalte, sondern auch an Prozesse an?
Mehr noch. Wenn ich etwas in einen gängigen Chatbot eingebe, bekomme ich ein Ergebnis. Und daran mache ich dann fest, ob die KI für meine Tätigkeit taugt oder nicht. Mit Cowork und ähnlichen Systemen wird es möglich, mit der KI so in Interaktion zu gehen, dass ich nicht nur ein solitäres Ergebnis bekomme, sondern gemeinsam mit der KI ein Ergebnis erarbeite, im echten Duett Mensch-Maschine. So erhalte ich unterschiedliche Perspektiven und der Mensch eine neue, orchestrierende Rolle. Diese Art und Weise, mit der KI wirklich zusammenzuarbeiten und nicht nur ein Tool zu benutzen, ist aus meiner Sicht der entscheidende Unterschied.
Können Steuerfunktionen oder die Steuerberatung seriöse Fallrecherchen oder belastbare Gutachten wirklich mit Claude machen? Oder braucht es dafür mehr – insbesondere Inhalte von Fachverlagen, mit denen man wirklich wissenschaftlich-gutachterlich argumentieren kann?
Was wir heute mit Cowork sehen, ist nur der Auftakt dessen, was wir vielleicht in einem halben oder einem Jahr in der Steuerberatung einsetzen werden. Aktuell fehlt Claude das Verlagswissen, das nicht frei zugänglich ist. Dennoch muss man zwei Ebenen unterscheiden: die Art und Weise, wie die KI Ergebnisse entwickelt, und die Content-Seite. Wenn man Claude Cowork mit entsprechenden Plug-ins beziehungsweise Skills Fälle gibt, dann ist es faszinierend zu sehen, wie der Fall subsumiert wird – in vielen Fällen erstaunlich präzise. Das Ergebnis weist strukturelle Parallelen zu gutachterlichen Vorgehensweisen auf, wie wir sie aus der Kanzlei oder aus gerichtlichen Begründungslogiken kennen. Und obwohl wir mit Claude noch nicht auf Verlagswissen zugreifen können, erzielt die KI dennoch bereits sehr gute Ergebnisse aus öffentlich zugänglichen Quellen, also Urteilen, Gesetzestexten oder Verwaltungsanweisungen.
Und die Königsdisziplin wäre dann?
Die Verknüpfung der linguistischen und handwerklichen Fähigkeiten von Claude Cowork mit Verlagswissen. Aber auch das liegt aus heutiger Sicht nahe. Die Verlage nutzen bereits Sprachmodelle, die ihnen als Grundlage dienen. Es ist nur eine technische Adaption, etwa statt GPT künftig Claude einzusetzen. Wenn man diese Kombination betrachtet – auf der einen Seite die Subsumtionsfähigkeiten von Claude, die Art und Weise, wie ich mir die KI ins Team holen kann als Coworker – und das in Kombination mit Verlagswissen, das wäre eine äußerst leistungsfähige Verbindung.
Das heißt, Anthropic und andere werden sich jetzt Verlage und Content-Anbieter suchen?
So, oder umgekehrt! Momentan ist es ja nicht trivial, Claude in einer sicheren, DSGVO-konformen Umgebung zu betreiben. Daher: Aktuell auf gar keinen Fall vertrauliche Informationen oder Mandatsgeheimnisse eingeben, außer man hat den Luxus, in einer geschlossenen eigenen Umgebung zu arbeiten! Ich denke aber, es ist zu erwarten, dass wir in absehbarer Zeit, ähnlich wie bei den anderen Modellen, auch in Europa gehostete Claude-Instanzen sehen – dann DSGVO-konform und mit berufsrechtlichen Vereinbarungen. Wenn diese Kombination möglich ist, werden auch die Verlage rasch prüfen, Claude in Kombination mit ihrem Wissen einzusetzen.
Würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt Steuerprofis raten, Claude Cowork freizuschalten, dafür zu bezahlen und dann loszuarbeiten? Oder ist es dafür noch zu früh?
Es kommt darauf an, was die Zielsetzung dahinter ist. Wenn ich es wirklich für die operative Arbeit innerhalb der Kanzlei, also in der Breite, einsetzen will, dann ist es noch zu früh. Weil wir eben weder die sichere Umgebung noch das spezifische Verlagswissen haben. Wenn eine Kanzlei jedoch den Gedanken des Co-Working zu Ende denken will und erleben möchte, was Arbeit in hybriden Teams bedeutet, und es zum Beispiel als eine Art Inkubator in einer geschlossenen Umgebung nutzen möchte, dann ist es durchaus eine Möglichkeit, die sich derzeit in kontrollierten Umgebungen erproben lässt.
Haben Sie eine Prognose, welche Art von KI-Tools sich in der Steuerberatung durchsetzen werden?
Konkrete Tools kann ich nicht nennen, weil die Entwicklung einfach viel zu schnell ist. Ich glaube auch nicht, dass es das eine Tool sein wird, sondern es wird immer ein gewisser Lösungs-Mix für unterschiedliche Tätigkeiten sein. Das klare Bild, das ich vor Augen habe, ist: Im Steuerbereich – und auch im Rechtsbereich – wird KI zunehmend als klassischer Co-Worker eingesetzt. In der künftigen Mensch-Maschine-Interaktion wird es immer mehr hybride Teams geben, bestehend aus menschlichen und digitalen Associates, die je nach Aufgabenstellung zusammengesetzt werden.
Können Sie abschließend ein Beispiel geben?
Aus meiner Sicht wird es in absehbarer Zeit so sein, dass ich mein eigenes KI-Team habe für Recherche, mein eigenes KI-Team, um Gutachten zu erstellen, oder, etwa in der Wirtschaftsprüfung, mein eigenes KI-Team für Datenanalysen. Diese KI-Teams werden mit entsprechenden Skills, also KI-basierten Fähigkeiten, laufend fortentwickelt. Die Skills basieren dann einerseits auf eigenem Wissen, was über viele Jahre aufgebaut wurde, und aus externem Wissen, zum Beispiel von Verlagen. Für mich zeichnet sich klar ab: KI entwickelt sich in Richtung eines Betriebssystems, mit dem wir arbeiten, zu einer Art AI Operating System for Tax.
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