Künstliche Intelligenz im Alltag eines Steuerberaters
Gut zwei Jahre ist es nun her, dass ich nach vielen Jahren im öffentlichen Dienst als Steuerberater und Rechtsanwalt den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Gemeinsam mit einem guten Freund „gründeten” wir unsere eigene Firma. Genauer gesagt übernahmen wir eine bestehende Steuerberatungskanzlei, die – wie derzeit häufig zu beobachten – von ihrem vorherigen Inhaber aus Altersgründen abgegeben werden sollte.
🚶➡️ Die ersten Schritte und wie alles begann
Auf einen Schlag waren wir mitten im Geschehen und standen vor der Frage, wie wir unseren Arbeitsalltag organisieren sollten. Da gab es den ganz normalen Wahnsinn des klassischen Kanzleialltags: Lohnbuchhaltung, Erstellung von Jahresabschlüssen, Vorbereitung von Steuererklärungen, Umgang mit Betriebsprüfungen und Rechtsbehelfen.
Gleichzeitig hatten wir von Beginn an auch mit Fragen der steuerlichen Gestaltung von Lebenssachverhalten zu tun. Schon aus dem Mandantenstamm unserer Firma ergab sich hier so mancher Bedarf. Und Neugeschäft dieser Art kam reichlich dazu.
Kanzleiintern gliederten wir die Aufgaben so, dass die Gestaltungsberatung über einen eigenen Bereich betreut wird. Denn Art und Inhalt dieser Tätigkeit bringen es mit sich, dass hier ganz anders gearbeitet wird als im klassischen Compliance-Geschäft. In vielen mittelständischen Kanzleien werden derlei Mandate in der Regel von einem Partner und seinen Associates bearbeitet.
🤝 Teamwork, Aufgabenteilung und die ersten Probleme
Befasst ist also ein Team von Fachleuten, dass sich im Sinne eines Mehraugenprinzips ganz dem Anliegen des Mandanten widmen kann und sich kümmert. Ideen, Konzepte und Planungen bis hin zu den finalen schriftlichen Ausarbeitungen (Memos, Gutachten etc.) werden gemeinsam besprochen, diskutiert und erarbeitet. So sollte es auch bei uns laufen.
Das Problem war, die geeigneten Associates zu finden. Durchaus mit dem Vorsatz einer auch nachhaltigen Nachwuchsgewinnung gingen wir deshalb eine Kooperation mit einer Universität ein, um so den Weg einer dualen Ausbildung für am Steuerrecht interessierte junge Akademiker zu bereiten. Und selbstverständlich schauten wir uns auch „am Markt“ um. Es gab etliche Anfragen und in einigen Fällen Vorstellungsgespräche. Erfolg hatten wir zunächst aber nicht.
🎲 Unverhofft kommt oft – wie KI ins Spiel kam
Stattdessen kam die Lösung von einer ganz anderen Seite, die keiner von uns auf auf dem Zettel hatte:
Zu unseren Mandanten zählt seit einiger Zeit auch ein namhaftes Verlagshaus: der NWBVerlag. Dieser ist zur Erprobung seiner diversen neuen Produkte immer mal wieder auf der Suche nach Probanden. Und im Falle der Entwicklung neuer KI-Tools für den Beratermarkt traf die Wahl des Verlags auf unsere Firma. Dabei stellte man uns u.a. ein Tool zur Erstellung von Memos, Gutachten und ähnlichen Erzeugnissen zur Verfügung. Als Tester dieser Tools war ich zunächst äußerst skeptisch, ob KI – und damit solche Werkzeuge – überhaupt einen sinnvollen Anwendungsbereich in der Steuerberatung haben würden.
⚖️ Steuerrecht in der Gestaltungsberatung: eine zu anspruchsvolle „Hausnummer“ für KI?
Steuerrecht in der Gestaltungsberatung ist eine durch und durch akademische und streckenweise auch wissenschaftlich anspruchsvolle Angelegenheit. Was also sollte KI auf einer solchen Flughöhe schon bewirken können, wird der Effizienzgewinn mittels Digitalisierung doch gemeinhin eher im Bereich mechanischer Arbeiten verortet? Digitalisierung – so sagt man – kann vor allem bei der schnelleren Verrichtung von Massengeschäft helfen. Das jedenfalls war stets die Devise in der Finanzverwaltung gewesen, für die ich ja lange gearbeitet hatte.
🚀 Nicht so in diesem Fall!
Die heiße Testphase des besagten KI-Tools begann Mitte letzten Jahres. Und anfangs schienen sich meine Vorbehalte tatsächlich zu bestätigen. Zwar überzeugten die Ergebnisse des Tools sprachlich von Beginn an; in der Sache war aber noch eine Menge Luft nach oben. Aber schon die Folgeversionen versetzten mich in Erstaunen. In dem Maße, in dem ich an Übung im sog. Prompting (dem Verfassen der Anweisung und des Sachverhalts für die Maschine) gewann, taten dies auch die Ergebnisse des Tools. Und gegen Ende letzten Jahres hatten die Entwürfe des Tools ein Niveau erreicht, wie ich es als Partner unserer Kanzlei auch von meinem – immer noch nur imaginären – Associate erwarten würde.
🤖 KI – mein neuer Associate (oder auch bester Kollege?)
Nach einem halben Jahr der Erprobung konnte ich für mich mit gutem Gewissen resümieren: Mein neuer Associate, auf den ich so lange gehofft hatte, war geboren. In ihm habe ich endlich den Fachexperten gefunden, mit dem ich auch über die kniffeligsten Fälle „sprechen” kann. Nur ist es keiner aus Fleisch und Blut geworden, sondern einer aus KI. Und vielleicht zeigt sich hier bereits, wie die Zukunft der steuerlichen Beratung aussehen kann?
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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)
Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert zahlreiche Branchen, und die Steuerberatung ist keine Ausnahme.