Gesprächsreihe Teil 3

Vom Content Creator zum Content Reviewer

Mensch und Roboter mit Anzug vor blauem Hintergrund nebeneinander. Bild: @Kittipong Jirasukhanont, PhonlamaiPhoto's Images via canva.com

Ein Beitrag von Luise Stein

Wie wird KI die Steuerberatung verändern? Dazu hat JUVE Steuermarkt in der Gesprächsreihe „Der KI-Touch in der Steuerberatung" drei Experten befragt. Sie kommen aus der Wissenschaft (Teil 1), einer Next-Six (Teil 2) - sowie einer Big-Four-Gesellschaft. Heute: Christian Stender von KPMG.

Im dritten und letzten Teil spricht Christian Stender, Partner und Chief Technology Officer Tax bei KPMG. Zuvor hatten Prof. Dr. Christoph Schmidt von der Hochschule Ludwigsburg und Daniel Spieker, Head of Tax Technology bei RSM Ebner Stolz, das Wort.

Stender sieht wie die vorherigen Gesprächspartner viel Potential von KI in der Steuerberatung. Es kommt ihm dabei vor allem darauf an, KI mit anderen Technologien zu verbinden und nicht isoliert zu nutzen – ein Punkt, den er stärker hervorhebt als Schmidt und Spieker.

Bei der Frage, wie KI den Steuermarkt verändern wird, nimmt Stender insbesondere Unternehmenssteuerabteilungen in den Blick. Dabei ist für ihn das Wissensmanagement zentral. Auch damit ergänzt er die Ausführungen der beiden anderen Experten.

Wo sehen Sie künftig den größten Anwendungsfall von KI in der Steuerberatung?

KI ist weit mehr als nur eine Technologie; sie bietet die Möglichkeit, Geschäftsprozesse grundlegend neu zu denken und zu gestalten. Derzeit liegt der Schwerpunkt auf der Unterstützung der persönlichen Produktivität, indem Wissen effizient und schnell verfügbar gemacht wird. Ein Beispiel hierfür ist der Bereich Pillar 2, wo ein großer Bedarf besteht, Wissen auch außerhalb der Steuerabteilung zugänglich zu machen. Ein weiteres Beispiel ist die Zolltarifierung, bei der KI schnell eine valide Einschätzung zur Klassifizierung liefern kann.

Darüber hinaus ermöglicht KI die effiziente Analyse unstrukturierter Daten, wie Bescheide oder Rechnungen, und bereitet diese für weitere Verarbeitungsschritte auf. In Kombination dieser Anwendungsfälle haben wir kürzlich bei einem DAX40-Konzern die Verrechnungspreisdokumentation mittels KI automatisiert. Dies zeigt, wie KI nicht nur die persönliche Produktivität, sondern auch die gesamte Business-Produktivität steigern kann.

Ein entscheidender Aspekt ist, dass KI immer nur ein Baustein ist, der mit klassischen Technologien kombiniert werden muss, um die volle Wirkung zu entfalten. Um über die persönliche Produktivität hinauszugehen und die Business-Produktivität zu steigern, ist es wichtig, KI nahtlos in die Geschäftsprozesse zu integrieren. In diesem Zusammenhang werden wir bald ein sogenanntes Agentic Framework veröffentlichen. Dieses Framework ermöglicht es, autonome Agenten zu schaffen, die in der Lage sind, diverse Aufgaben eines Prozesses eigenständig und autonom zu übernehmen. Dabei können KI-Agenten selbstständig auf unterschiedliche Datenquellen zugreifen, um Informationen abzurufen und zu bewerten. Ebenso sind sie in der Lage, eigenständig Workflows anzustoßen und bei Bedarf Rückfragen zur Qualitätssicherung an die Nutzenden zu richten. Dieser Ansatz folgt dem Gedanken einer durchgängigen Plattform, anstatt nur isolierte KI-Lösungen einzuführen. 

Welche Bereiche in der Steuerberatung werden von KI am wenigsten berührt?

Bereiche, die stark auf menschlichem Urteilsvermögen und tiefem Fachwissen basieren, sind am wenigsten von den Auswirkungen der KI betroffen. Dazu zählt insbesondere die strategische und steuerliche Beratung bei komplexen Sachverhalten, die eine persönliche Interaktion sowie ein umfassendes Wissen der individuellen Situation erfordern. Auch die Interpretation komplexer rechtlicher Rahmenbedingungen und die Berücksichtigung ethischer Überlegungen bleiben weitgehend in der Verantwortung des Menschen. Diese Aufgaben erfordern nicht nur technisches Wissen, sondern auch die Fähigkeit, nuancierte Entscheidungen zu treffen, die auf Erfahrung und einem ganzheitlichen Verständnis der jeweiligen Umstände basieren.

Gleichwohl kann KI eine wertvolle Unterstützung bei der Entscheidungsfindung bieten, indem sie große Datenmengen analysiert und relevante Informationen bereitstellt. Eine weitere Einschränkung sind neue oder sich verändernde Gesetze, da KI-Modelle ihre Entscheidungen lediglich auf Basis historischer Daten treffen können. Die Interpretation sowie die steuerliche Würdigung solcher Änderungen erfordern weiterhin Fachwissen, Transferwissen und die Kreativität qualifizierter Steuerberaterinnen und Steuerberater, insbesondere wenn es um noch nicht konkret definierte Rechtsbegriffe geht.

Wie wird sich der Steuermarkt durch KI verändern?

KI und Automatisierung werden die Steuerwelt grundlegend transformieren. Mitarbeitende in Steuerabteilungen werden sich langfristig von Content Creators zu Content Reviewern entwickeln. Um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, müssen jedoch einige grundlegende Voraussetzungen erfüllt werden, ähnlich wie bei der Automatisierung ohne KI. Prozesse müssen standardisiert werden und es ist entscheidend, dass Daten in der erforderlichen Qualität und Detailtiefe verfügbar sind. KI kann hierbei wertvolle Unterstützung leisten, indem sie beispielsweise Transaktionsdaten mit den richtigen Merkmalen anreichert.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Zugang zu relevantem Wissen. Im Steuerrecht ist es besonders wichtig, auf qualitativ hochwertiges Wissen zugreifen zu können, um erstklassige Ergebnisse zu erzielen. Dies erfordert ein Umdenken im Wissensmanagement, sowohl intern als auch extern. Unternehmen, die KI effektiv nutzen möchten, müssen daher weiterhin ihre ‚Hausaufgaben‘ machen. Dies kann für Steuerabteilungen eine Herausforderung darstellen, da sie oft am Ende der prozessualen Nahrungskette sitzen und auf die Strukturierung der Vorprozesse angewiesen sind. Hier liegt die Verantwortung beim gesamten Finanzbereich, um sicherzustellen, dass die notwendigen Grundlagen für den erfolgreichen Einsatz von KI geschaffen werden.

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