Gesprächsreihe: Teil 1

Der KI-Touch in der Steuerberatung

Mensch und Roboter mit Anzug vor blauem Hintergrund nebeneinander. Bild: @Kittipong Jirasukhanont, PhonlamaiPhoto's Images via canva.com

Ein Beitrag von Luise Stein

Wie wird KI die Steuerberatung verändern? Dazu hat JUVE Steuermarkt drei Experten befragt. Sie kommen aus der Wissenschaft, von einer Next-Six- sowie einer Big-Four-Gesellschaft.

In der ersten Folge spricht Prof. Dr. Christoph Schmidt. Er ist Professor an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg. Zudem engagiert er sich als Mitglied beim Institut für Digitalisierung im Steuerrecht (IDSt).

Wo sehen Sie künftig den größten Anwendungsfall von KI in der Steuerberatung?

Der größte Anwendungsfall von KI in der Steuerberatung liegt in der Automatisierung repetitiver, datenintensiver Tätigkeiten und in der Generierung strategischer Einblicke aus großen Datenmengen. Bereits heute gibt es KI-Lösungen, die verschiedene Prozesse unterstützen. Beispiele sind:

  • Dokumentenverarbeitung und Datenextraktion:
    KI-Systeme wie Helix von EY können Informationen aus Rechnungen, Verträgen und Belegen extrahieren und diese automatisch klassifizieren. Der Einsatz von Natural Language Processing (NLP) ermöglicht dabei die Identifizierung relevanter steuerlicher Parameter, wie Umsatzsteuer-IDs oder Vertragsklauseln, und sorgt für eine fehlerfreie und zeitsparende Erfassung.

  • Risikomanagement und Audit-Analyse:
    Lösungen wie KPMG Clara oder Halo for Tax von PwC analysieren große Mengen von Finanzdaten, um potenzielle Abweichungen oder Compliance-Risiken frühzeitig zu identifizieren. Beispielsweise können Buchhaltungsfehler, doppelte Einträge oder steuerlich kritische Transaktionen schnell erkannt werden, bevor diese in einer Prüfung auffallen.

  • Prognosen und Steuerplanung:
    Mithilfe von KI-basierten Simulationstools können Berater künftig steuerliche Szenarien simulieren. Eine Software wie Alteryx erstellt datenbasierte Modelle, die helfen, zum Beispiel die Auswirkungen internationaler Steuerregelungen oder von Änderungen in der Transferpreisgestaltung zu berechnen.

Zusammenfassend verbessert KI nicht nur Effizienz und Genauigkeit, sondern erweitert auch die Möglichkeiten der präskriptiven Analyse. Sie liefert konkrete Handlungsempfehlungen, wie Unternehmen ihre Steuerlast im Einklang mit der Gesetzgebung optimieren können.

Welche Bereiche in der Steuerberatung werden von KI am wenigsten berührt?

Bereiche, die auf menschliche Kreativität, Verhandlungsgeschick und interpersonelle Fähigkeiten setzen, sind von KI-Entwicklungen weit weniger betroffen. Dazu zählen insbesondere:

  • Steuerstrategische Gestaltungsberatung:
    Wenn es darum geht, maßgeschneiderte, kreative Lösungsansätze für komplexe Mandantenanforderungen zu entwickeln – beispielsweise im internationalen Steuerrecht oder bei Umstrukturierungen –, bleibt die Expertise des Beraters zentral. Ein Berater versteht nicht nur die juristische Ebene, sondern auch unternehmensspezifische Bedürfnisse, kulturelle Aspekte und langfristige Ziele.

  • Kommunikation und Verhandlungsführung:
    Im Rahmen von Betriebsprüfungen oder Streitigkeiten mit der Finanzverwaltung kommt es häufig auf diplomatisches Geschick an. So kann zwar eine KI wie Blue J Tax präzise Szenarioanalysen liefern und Wahrscheinlichkeiten für rechtliche Entscheidungen schätzen. Der Erfolg solcher Verhandlungen beruht jedoch auch auf der zwischenmenschlichen Komponente.

  • Beratung von Einzelmandanten:
    Steuerberatung ist häufig ein Vertrauensgeschäft. Selbst bei der Einführung moderner Systeme bleibt die menschliche Beratung, insbesondere bei sensiblen Themen wie Nachfolgeregelungen oder Finanzkrisen, unersetzbar.

Wie wird sich der Steuermarkt durch KI verändern?

Die Transformation des Steuermarktes durch KI wird tiefgreifend sein. In folgenden Bereichen zeichnen sich bereits wesentliche Änderungen ab:

  • Neue Rollen und Fähigkeiten:
    KI wird repetitive Aufgaben wie das Ausfüllen von Steuererklärungen übernehmen. Daher wird die Steuerberatung von Fachkräften verlangen, datenbasierte Ergebnisse zu interpretieren und technologisches Know-how aufzubauen. Viele Kanzleien integrieren bereits Fortbildungen zu Tools wie Tableau oder Python, um diesen Bedarf zu decken.

  • Verschärfter Wettbewerb:
    Dank kosteneffizienter Standard-KI-Lösungen können kleinere Kanzleien Dienste anbieten, die bislang nur großen Häusern vorbehalten waren. Ein Beispiel ist Xero Tax, das Start-ups und kleinen Unternehmen kostengünstige Compliance-Lösungen ermöglicht.

  • Mandantenanforderungen:
    Mandanten fordern zunehmend Transparenz und Echtzeit-Insights, die durch KI möglich werden. Ein Beispiel hierfür ist SAP Concur, das in der Unternehmenssteueroptimierung helfen kann, laufende Kosten, Reisekostenabrechnungen und Steuerpflichten in Echtzeit zu überwachen und zu steuern.

  • Ethische und regulatorische Implikationen:
    Schließlich wird der Markt neue Standards und Prüfverfahren entwickeln müssen, um sicherzustellen, dass KI-Systeme Compliance-Vorschriften einhalten und keine systematischen Diskriminierungen oder Fehler in ihren Analysen erzeugen.

Die Steuerberatung wird damit zunehmend datengetrieben und technologisch fokussiert sein. Zugleich bleibt die Rolle des Menschen essenziell, um KI-Ergebnisse sinnvoll einzusetzen, und in Bereichen, die auf Strategie und Empathie beruhen, unverzichtbar.

In Kürze erscheinen hier die zwei weiteren Expertengespräche mit Daniel Spieker von RSM Ebner Stolz und Christian Stender von KPMG.

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