Recap: Praxisforum Tax Tech 2026

Hype und Realität: KI, Automatisierung & Tax CMS in der Steuerfunktion

Porträt des Autors vor grauem Hintergrund mit Logo des Forums Bild: @tax&bytes

Unser Ziel des Praxisforum Tax Tech 2026 am 15.04.2026 in der Kölner KPMG-Niederlassung war nicht, über abstrakte Zukunftsbilder zu diskutieren, sondern ein Format zu schaffen, in dem Unternehmen für Unternehmen sprechen, Erfahrungen offen teilen und nicht nur über Möglichkeiten, sondern auch über Grenzen berichten. Daraus wurde eine Agenda, die die aktuelle Transformationsphase in Steuerabteilungen sehr gut abbildete: von der Frage, wie KI in bestehende Systeme und Prozesse integriert werden kann über die praktische Auswahl und Erprobung konkreter Use Cases bis zur Automatisierung mit Bordmitteln und der Weiterentwicklung von Tax-Compliance-Management-Systemen im Zusammenspiel mit der Finanzverwaltung. All das vorgetragen und diskutiert von und mit Technologie-Experten aus  Unternehmen unterschiedlichster Branchen.

Was sich durch alle Beiträge zog, war weniger eine Technologiebegeisterung um ihrer selbst willen, sondern vielmehr eine nüchterne Umsetzungslogik. KI, Automatisierung und digitale Steuerung entfalten ihren Wert nur, wenn sie in reale Arbeitsabläufe, bestehende Systemlandschaften und regulatorische Anforderungen integriert werden können. Genau das machte den Vormittag des Praxisforums aus meiner Sicht besonders wertvoll.

⚙️ SAP Joule im Praxiseinsatz: KI dort nutzen, wo die Daten bereits liegen

Zu Beginn zeigten Claus Bahn und Nicolas Liebig am Beispiel SAP Joule anschaulich, wie sich KI direkt in bestehende Systemlogiken einbetten lässt. Der zentrale Gedanke dabei: Der Nutzen kommt nicht allein aus dem Sprachmodell, sondern aus der Verbindung mit dem vorhandenen SAP-Kontext. Wo strukturierte Unternehmensdaten, Berechtigungen und Prozesse bereits vorhanden sind, ergibt sich ein anderer Zugang zu KI als bei isolierten Chat-Anwendungen.

Claus Bahn

Claus Bahn

Head of Tax Technology @SAP
Nicolas Liebig

Nicolas Liebig

Tax Technology Specialist @SAP

Von besonderer Relevanz war dabei die Frage, wie Halluzinationen in steuerlich sensiblen Anwendungsfeldern begrenzt werden können. Die vorgestellte Lösung setzt deshalb nicht auf ein frei antwortendes Modell, sondern auf die Verbindung von Joule mit einem Knowledge Graphen, der mit verifizierter Regulatorik gefüttert wird. Dadurch soll sichergestellt werden, dass der Agent nicht auf bloße Wahrscheinlichkeiten reagiert, sondern sich an nachvollziehbaren Regelwerken orientiert.

Unser Ziel ist es, KI direkt in die Compliance-Prozesse einzubinden.

Für die Steuerfunktion ist das ein relevanter Ansatz. Denn viele steuerliche Fragestellungen scheitern nicht daran, dass keine Daten vorhanden wären. Sie scheitern daran, dass strukturierte Systemdaten und unstrukturierte regulatorische Informationen bislang nur mit erheblichem manuellem Aufwand zusammengeführt werden können. Wenn genau dieser Schritt künftig systemnäher erfolgt, verschiebt sich der Fokus der Steuerabteilung: weg von technischer Recherche und Zusammenführung, hin zu fachlicher Prüfung und Einordnung.

 

🧪 Brenntag: KI-Use-Cases zwischen Experiment, Toolauswahl und organisatorischer Realität

Anschließend gaben David Sitko, Florian Knupp und Sven Steiger einen transparenten Einblick in die KI-Reise bei Brenntag. Sie beschränkten sich dabei nicht auf Hochglanzbeispiele, sondern skizzierten  auch die typische Gemengelage in vielen Steuerabteilungen: große Erwartungen, zahlreiche Stakeholder, vielfältige Toolangebote und gleichzeitig die Unsicherheit, welche Lösung sich am Ende wirklich in Prozesse integrieren lässt.

David Sitko

David Sitko

Head of Tax Transformation & Technology @Brenntag
Florian Knupp

Florian Knupp

Tax Manager Transformation & Technology @Brenntag
Sven Steiger

Sven Steiger

Senior Tax Manager Transformation & Technology @Brenntag

Deutlich wurde, dass der Weg bei Brenntag zunächst über Use Cases, Datenherkunft und Prozessverständnis führt. Nicht jedes Problem verlangt sofort nach einer umfassenden KI-Architektur. Zunächst musste geklärt werden, welche Anwendungsfälle wirklich sinnvoll sind, welche Daten dafür benötigt werden und wie bestehende Abläufe angepasst werden müssen, damit KI produktiv eingesetzt werden kann.

Ein anschauliches Beispiel hierfür stammt aus dem Alltag der Steuerabteilung: Approval Requests. Dabei handelt es sich um Anfragen aus unterschiedlichen operativen Einheiten an die Steuerabteilung, mit denen steuerliche Risiken frühzeitig eingeordnet und bestimmte Vorgänge aus fachlicher Sicht bewertet werden sollen. Diese Anfragen sind oft sehr umfangreich, enthalten mehrseitige Dokumente, Vertragsentwürfe und zahlreiche Anlagen und müssen steuerlich gesichtet werden, obwohl sie nicht in jedem Einzelfall für alle Teams gleichermaßen relevant sind. Der gezeigte Use Case machte deutlich, wie ein KI-gestützter Review dabei helfen kann, Risiken frühzeitig zu kategorisieren, Auffälligkeiten zu markieren und die weitere Bearbeitung gezielter an die zuständigen Bereiche weiterzugeben.

Alle sollen jetzt mit KI loslegen, aber niemand bekommt dafür automatisch zusätzliche Kapazitäten.

Dieser Satz bringt eine Spannung auf den Punkt, die in vielen Steuerabteilungen spürbar ist. KI erzeugt zusätzliche Erwartungen, benötigt aber gleichzeitig Zeit für Tests, Schulungen, Prompt-Optimierung und Abstimmungen mit den Bereichen Datenschutz, IT-Security, Legal und Betriebsrat. Dieser Spannungsbogen prägt die aktuelle Realität vieler Steuerabteilungen. Ebenso wichtig war die Erkenntnis, dass es bislang keine Lösung gibt, die sämtliche Anforderungen gleichermaßen erfüllt. Stattdessen entsteht derzeit ein Bild aus parallelem Testen, Vergleichen und iterativem Nachschärfen. Genau in dieser Phase befinden sich derzeit viele Steuerfunktionen.

🧰 Voith: Mehr erreichen mit weniger. Nicht jede Lösung braucht sofort KI

Mit dem Beitrag von Christoph Schneider und Yannick Seidel verschob sich der Fokus. Nachdem es zuvor vor allem um KI ging, wurde hier eine Frage behandelt, die in der Praxis mindestens genauso relevant ist: Welche Probleme lassen sich bereits mit Bordmitteln lösen, bevor zusätzliche Tools, Lizenzen oder komplexe Architekturen aufgebaut werden?

Christoph Schneider

Christoph Schneider

Senior Tax Manager @Voith
Yannick Seidel

Yannick Seidel

Senior Tax Manager @Voith

Der Perspektivwechsel zeigte einen anderen, in der Praxis oft naheliegenderen Zugang. In Steuerabteilungen verlangen viele repetitive Aufgaben gar nicht zuerst nach KI, sondern nach sauberer Prozesslogik, klarer Regelsteuerung und pragmatischer Automatisierung. Fristenmanagement, Freigabeprozesse, standardisierte Dokumentablagen oder einfache Anwendungslogiken lassen sich in vielen Fällen bereits mit bestehenden M365-Bausteinen strukturieren.

Der Vortrag blieb dabei bewusst differenziert. Einerseits wurde das Potenzial einfacher Quick Wins deutlich. Andererseits wurden auch die Grenzen solcher Lösungen offen angesprochen, etwa bei steigender Komplexität, Premium-Konnektoren oder der Frage, wie tragfähig bestimmte Architekturen auf längere Sicht wirklich sind.

Wir müssen nicht auf alles KI draufwerfen.

Gerade in der derzeitigen Marktsituation besteht die Gefahr, aus Begeisterung oder Erwartungsdruck jedes Problem sofort mit KI zu lösen, obwohl regelbasierte oder prozessuale Lösungen oft robuster, günstiger und leichter beherrschbar sind. Für Steuerabteilungen, die ohnehin mit knappen Ressourcen arbeiten, ist diese Unterscheidung von zentraler Bedeutung. Nicht jede technologische Verbesserung beginnt mit einem Sprachmodell. Manchmal reicht auch die Entscheidung, vorhandene Werkzeuge endlich konsequent zu nutzen.

🛡️ EnBW: Tax CMS als Lernprozess zwischen Konzernrealität und Finanzverwaltung

Zum Abschluss des Vormittags rückte Prof. Dr. Gutekunst ein Thema in den Mittelpunkt, das in der Diskussion um Tax Tech oft zu wenig Beachtung findet: die Weiterentwicklung von Tax-Compliance-Management-Systemen im Zusammenspiel mit der Finanzverwaltung.

Prof. Dr. Gutekunst

Prof. Dr. Gutekunst

Leiter Konzernsteuerabteilung @EnB

In einem Konzern wie EnBW wird rasch deutlich, welche Komplexität hinter diesem Thema tatsächlich steht. Wachstum, Internationalisierung, neue Geschäftsmodelle, eine Vielzahl von Gesellschaften und eine stark ausgeweitete steuerliche Landschaft machen schnell sichtbar, dass Tax CMS kein punktuelles Dokumentationsprojekt sein kann, sondern ein umfassendes Steuerungs- und Kontrollsystem sein muss. Die Pilotierung mit der Finanzverwaltung machte einen zentralen Spannungsbogen sichtbar. Steuerpflichtige und Finanzverwaltung befinden sich noch immer in einem gemeinsamen Lernprozess. Während Unternehmen Tax Compliance Management Systeme zunehmend ganzheitlich verstehen, scheint die behördliche Perspektive teilweise noch stärker von der Vorstellung einzelner überprüfbarer Prozesse und sichtbarer Kontrollmechanismen geprägt zu sein. Genau aus diesem Spannungsfeld entstehen Reibungen, aber auch Entwicklungschancen.

Die Finanzverwaltung ist nicht der Gesetzgeber. Der Gesetzgeber hat die Finanzverwaltung an dieser Stelle vielleicht auch ein bisschen überrumpelt.

Das beschreibt die Lage sehr präzise. Denn § 38 EGAO hat Erwartungen an Prüfungserleichterungen und Systemverständnis geweckt, obwohl auf Seiten der Finanzverwaltung noch nicht überall ein gefestigtes Prüfungsverständnis vorhanden ist. Solche Erfahrungsberichte zeigen, wo man heute tatsächlich steht: nicht als abgeschlossenes Modell, sondern als Bereich, in dem sich regulatorische Anforderungen, Digitalisierung, Governance und steuerliche Praxis noch weiter aufeinander zubewegen müssen.

FAZIT

📍 Technologie wird erst dann wirksam, wenn sie in Prozesse, Rollen und Verantwortung übersetzt wird

Was diesen Vormittag für mich besonders gemacht hat, war die Bandbreite der Perspektiven bei gleichzeitig erstaunlich klarer gemeinsamer Richtung. Ob SAP-Joule, Brenntag, Voith oder EnBW: In keinem Beitrag wurde Technologie als Selbstzweck beschrieben. Stets ging es um die gleiche Grundfrage: Wie lassen sich neue Möglichkeiten so in Steuerfunktionen übersetzen, dass sie wirklich wirksam, kontrollierbar und anschlussfähig werden?

Gerade darin lag die Stärke der Vorträge. KI wurde nicht als Heilsversprechen inszeniert, Automatisierung nicht als reines Einsparprojekt und Tax CMS nicht als statische Pflichtübung. Stattdessen entstand ein Bild von Steuerabteilungen, die sich Schritt für Schritt weiterentwickeln, neue Kompetenzen aufbauen, ihre Prozesse kritisch hinterfragen und dabei sehr genau abwägen, wo Technologie bereits tragfähig ist und wo sie noch nicht ausgereift genug ist.

Für mich war das die eigentliche Klammer des Vormittags: Die Zukunft der Steuerfunktion entscheidet sich nicht an einzelnen Tools. Sie entscheidet sich daran, ob es gelingt, Technologie in sinnvolle Prozesse, tragfähige Verantwortlichkeiten und belastbare Governance zu übersetzen.

 


 
IM BEITRAG ERWÄHNTE TOOL-KATEGORIEN  
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)

Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert zahlreiche Branchen, und die Steuerberatung ist keine Ausnahme.

→ ZUR KATEGORIE

PROZESSAUTOMATISIERUNG

Durch Software-Einsatz können Steuerberater ihre täglichen Aufgaben effizienter gestalten und sich auf komplexere Beratungsleistungen konzentrieren.

→ ZUR KATEGORIE

TAX CMS

TAX CMS-Software unterstützt Steuerberater bei der Einhaltung steuerlicher Vorschriften und minimiert Compliance-Risiken.

→ ZUR KATEGORIE

Hmd Sponsored Post Bild 1
Sponsored Post

Cloud-Pflicht? Wahlfreiheit als entscheidende IT-Strategie

Zwar setzen sich Cloud-First-Strategien zunehmend durch, doch viele Kanzleien und Unternehmen nutzen weiterhin On-Premise- oder hybride Modelle. Im Fokus stehen dabei Datensouveränität, Kontrolle und die Vermeidung von Abhängigkeiten von Anbietern. Die Wahlfreiheit wird zentrale IT-Entscheidung.

Juvesteuermarkt36 Beiträge 1920X1080px
KI und der Wandel der Steuerberatung

KI macht Karriere: Wie sieht die Zukunft der Steuerberatung aus?

Künstliche Intelligenz verändert die Steuerberatung grundlegend, automatisiert Buchhaltung, Deklaration und Analyse und erhöht das Substituierbarkeitspotenzial. Während der Berufsstand Chancen sieht, deuten Studien auf sinkende Einstiegsstellen und steigende Anforderungen hin.

Luther BLOG 1920X1080px
BFH-Urteil zu Stammhaus-Leistungen

Dienstleistung für das Stammhaus – bestellt von der Betriebsstätte (#2)

Das BFH-Urteil zu Stammhaus-Leistungen präzisiert den Leistungsort bei Bestellung durch die Betriebsstätte. Matthias Luther zeigt Risiken, Folgen für den Vorsteuerabzug und den Handlungsbedarf für ERP- und Tax-Prozesse – auch mit Blick auf die künftigen Echtzeit-Meldepflichten durch ViDA.