KI macht Karriere: Wie sieht die Zukunft der Steuerberatung aus?
Ein Beitrag von Sarah Francke
Künstliche Intelligenz verändert die Steuerberatung schneller als erwartet. Sie entlastet, beschleunigt – und verdrängt. Was für die Beratungshäuser in Zeiten des Fachkräftemangels Lösungen verspricht, könnte für Nachwuchskräfte zum Problem werden.
Geht es um die Frage, welchen Einfluss künstliche Intelligenz (KI) auf die Steuerberatung hat, sind sich die Beschäftigten der Branche einig: KI wird die Berufsbilder der Steuerfachkräfte grundlegend ändern, ersetzbar werde der Faktor Mensch durch sie jedoch nicht. Während 34 Prozent der Deutschen derzeit fürchten, ihre Arbeit an die Technologie zu verlieren, scheint diese Sorge in der Steuerberatung nicht zu existieren. Eine aktuelle Studie der Technischen Universität Darmstadt kommt zu weiteren interessanten Ergebnissen: Wer sich mit KI auskennt, schätzt die Gefahr, den eigenen Arbeitsplatz an diese zu verlieren, tendenziell höher ein als andere Personen. Und: Viele Beschäftigte rechnen zwar mit Arbeitsplatzverlusten als Folge von KI, die wenigsten glauben jedoch, selbst gefährdet zu sein. In der Wissenschaft wird diese Wahrnehmung als „unrealistischer Optimismus“ bezeichnet: Menschen unterschätzen die Gefahr, von zukünftigen negativen Ereignissen selbst betroffen zu sein. Sind deutsche Steuerberater:innen also unrealistische Optimisten – oder ist ihr Optimismus angebracht?
Was bleibt für den Menschen?

„Wir stehen vor einer der größten Transformationen im Wissensbereich“,
beschreibt Michel Braun, Chief AI Officer und Partner Digital TP bei WTS, den aktuellen Wandel der Arbeitswelt.
Schon jetzt übernehmen KI-Systeme weite Teile der Buchhaltung und kommen im Deklarationsgeschäft sowie beim Prüfen von Steuerbescheiden zum Einsatz. Sie analysieren Datenmengen, formulieren Schriftstücke für Mandant:innen, werten Verträge aus und liefern sogar Prognosen. Dabei kommen zunehmend KI-Agenten zum Einsatz, die im Gegensatz zu einfachen KI-Modellen nicht nur auf Eingaben reagieren, sondern als autonom handelnde Softwaresysteme eigenständig Entscheidungen treffen und Aktionen ausführen können.
Gegenwärtig beziffert der Job-Futuromat vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) den Anteil der Tätigkeiten eines Steuerberaters/einer Steuerberaterin, die durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzt werden können, mit 62 Prozent. Für Steuerfachangestellte liegt dieser Wert sogar bei 100 Prozent. Die Werte basieren auf Daten aus Oktober 2022 und werden aktuell überarbeitet. Zukünftig beträgt für die Gruppe der Steuerfachangestellten das Substituierbarkeitspotenzial jedoch nur noch 50 Prozent, wie das IAB auf Anfrage mitteilte. Das IAB begründet dies mit der 2023 in Kraft getretenen modernisierten Ausbildungsverordnung für Steuerfachangestellte.
„Es wäre arrogant anzunehmen, dass es Dinge gibt, die nur der Mensch machen kann.“
Dominik Wellmann
Bei den Berufsträger:innen war es zuletzt die KI-Lösung ‚Taxy.io Answers‘, die eine neue Dynamik in die Diskussion um den Ersatz menschlicher Arbeitskraft brachte. Die Lösung des Aachener Softwareunternehmens bestand die schriftliche Prüfung des Steuerberaterexamens – laut Unternehmen ohne menschliche Unterstützung. In diesem Zusammenhang formulierte Taxy.io selbst jene zentrale Frage, die zwangsläufig mit dieser Entwicklung einhergeht: Braucht es zukünftig überhaupt noch Steuerberater:innen? Die Softwarefirma ist überzeugt: „Ja. Mehr denn je.“ Doch es gibt auch andere Stimmen.
Chance für Berufsstand
Der Informatiker und Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, bekannt als „Godfather of AI“, warnte im Podcast ,The Diary of a CEO‘ vor einer massiven Arbeitslosigkeit im Zuge der fortschreitenden Entwicklung künstlich-intelligenter Systeme: Alltägliche intellektuelle Tätigkeiten könnten möglicherweise vollständig durch diese ersetzt werden. Beispielhaft führte er unter anderem auch Rechtsanwaltsfachangestellte an.
Befürchtungen, die auf dem deutschen Steuerberatungsmarkt wenig Anklang finden. Torsten Lüth, Präsident des Deutschen Steuerberaterverbands, empfindet das Potenzial von KI nicht als bedrohlich:

„Der Berufsstand hat sich immer gewandelt. Wir müssen die künstliche Intelligenz als Chance sehen – nicht als Konkurrenz.“
Ein Blick auf die aktuelle Altersstruktur der Mitglieder der Bundessteuerberaterkammer offenbart die Dringlichkeit: Das Durchschnittsalter der Steuerberater:innen liegt bei rund 53 Jahren. Die größte Gruppe bilden die 56- bis 60-Jährigen (14,4 Prozent) und die Ü‑70-Jährigen (13,4 Prozent), während der Nachwuchs bei den 30- bis 35-Jährigen lediglich 8,8 Prozent ausmacht und bei den unter 30-Jährigen sogar nur 2,3 Prozent.
„Es wird immer Experten brauchen, die fachliche Inhalte überprüfen.“
Claudia Kalina-Kerschbaum
Vor diesem Hintergrund bewertet auch die Bundessteuerberaterkammer die technologischen Entwicklungen überwiegend positiv: „Alles, was im Bereich der repetitiven Arbeiten und Datenauswertung automatisiert werden kann, ist total willkommen“, betont deren Geschäftsführerin Claudia Kalina-Kerschbaum unter Verweis auf die hohe Auslastung des Berufsstands. Dass KI in der Steuerberatung einmal menschliche Intelligenz ersetzen wird, glaubt sie nicht: „Künstliche Intelligenz haftet nicht, deswegen wird es immer Experten brauchen, die fachliche Inhalte überprüfen.“
Auswirkungen für Nachwuchskräfte
Doch was bedeutet es, wenn der Mensch vor allem als Prüfinstanz fungiert, die vorgelagerten Tätigkeiten dagegen zukünftig von KI-Systemen übernommen werden? Aufgaben, die üblicherweise den Nachwuchskräften obliegen und mittels derer sie ihre fachlichen Kompetenzen sowie Erfahrungen vertiefen. Zwar besteht beim Einsatz von KI die Gefahr des Halluzinierens, das heißt, sie liefert mitunter ungenaue oder gänzlich unwahre Ergebnisse. Doch auch Menschen machen Fehler. Und während die Berufseinsteiger:innen stets aufs Neue ausgebildet werden müssen, werden die Systeme immer besser. So kombinieren unter anderem sogenannte RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation) künstlich-intelligente Sprachmodelle wie ChatGPT mit externen Datenbanken – und generieren so präzisere und aktuellere Ergebnisse.
„Künstliche Intelligenz wird bei fast allen intellektuellen Aufgaben besser als der Mensch.“
Dario Amodei
Ein Beispiel dafür ist die KI-Lösung ‚Otto Schmidt Answers‘: Eine KI-Technologie von Taxy.io greift auf die Online-Ffachliteratur des Verlags zurück und liefert zusätzlich Angaben zu den verwendeten Quellenangaben. Michel Braun von WTS bewertet derartige Entwicklungen positiv: „Die KI-Systeme sind wahrscheinlich bald genauso gut wie wir. Für den Steuerberatermarkt sehe ich das als Chance, da wir einen Fachkräftemangel haben.“ Dario Amodei, CEO des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic, prognostiziert hingegen drastische Auswirkungen für Nachwuchskräfte.
Für die kommenden fünf Jahre rechnet der Technologieexperte mit einem 50-prozentigen Verlust aller Einstiegsstellen in Bürojobs – auch in den Bereichen Recht und Beratung: „Künstliche Intelligenz wird bei fast allen intellektuellen Aufgaben besser als der Mensch“, so Amodei. Auch Forscher der US-Universität Stanford gehen davon aus, dass ein Beschäftigungsabbau als Erstes bei den Nachwuchskräften spürbar sein wird, da diese vor allem über angelerntes „Buchwissen“ statt über selbsterarbeitete Erfahrung verfügen. Ein Wissen, das KI-Systeme zunehmend bereitstellen. Erste Signale zeigen sich bereits: So geht aus einer Studie der Harvard University hervor, dass Unternehmen, die generative KI einführen, die Einstellungen von Berufsanfänger:innen nach eineinhalb Jahren um durchschnittlich 7,7 Prozent reduzieren.
Sorge um die fachliche Qualität
Zwar beziehen sich die Aussagen auf die Vorgehensweise von US-amerikanischen Unternehmen. Jedoch sind entsprechende Trends auch in Deutschland zu beobachten, wie eine Analyse von Index Research für F.A.Z. Digitalwirtschaft zeigt. Danach sind die Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger:innen hierzulande um 34 Prozent rückläufig – insbesondere im Bereich der Steuerdeklaration und beim Anfertigen von Analysen. Eine Entwicklung, die laut Analyse der Jobplattform Stepstone neben der wirtschaftlichen Lage auch auf den Einsatz von KI zurückzuführen ist.
Michel Braun kann diese Entwicklung für WTS bislang nicht bestätigen: Bei der Ressource Mensch plane das Unternehmen derzeit eine deutliche Expansion – insbesondere im europäischen Ausland – bei gleichzeitiger Investition in KI-Systeme. Dennoch geht auch Braun davon aus, dass es langfristig weniger, dafür jedoch techaffinere Mitarbeitende braucht. Auf eine traditionelle Ausbildung lege WTS aktuell aber weiterhin großen Wert: „Berufseinsteiger erhalten bei uns eine umfangreiche fachliche Ausbildung in ihren jeweiligen Disziplinen. Gleichzeitig werden sie an den Einsatz von KI herangeführt. Dabei gilt: Human first, AI second.“
Auch Prof. Dr. Sabrina Kummer, Leiterin des Studiengangs Steuern und Prüfungswesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen, sieht in dieser Vorgehensweise einen wichtigen Baustein bei der Ausbildung junger Fachkräfte. Sie sorgt sich um die fachliche Qualität und warnt: „Durch die Möglichkeiten von KI besteht die Gefahr, dass die Motivation des Selbstlernens entfällt. Da müssen wir gegensteuern.“
Seit rund zwei Jahren beschäftigt sich Kummer intensiv mit der neuen Technologie. Im Sommer 2025 führte die Hochschule das Fach ‚Digitalisierung im Steuer- und Prüfungswesen‘ ein. Studierende lernen hier den Umgang mit KI im wissenschaftlichen Arbeiten und beschäftigen sich dabei intensiv mit der Frage, wie KI die Steuerberatungsbranche verändert. Dass KI die Steuerberater:innen irgendwann vollständig ersetzen wird, schließt Kummer allerdings aus. Gerade mit Blick auf die Mandatsbeziehung könne die Technologie nicht ersetzen, was die reale Fachkraft ausmacht: soziale Kompetenz, menschlicher Kontakt und Fingerspitzengefühl.
Beraterrolle wandelt sich
Dass auch unter der Mandantschaft diese Sichtweise herrscht, ist keineswegs garantiert.

„Aus meiner Sicht gibt es keinen Bereich, in dem der Steuerberater unersetzlich bleibt“,
sagt Dominik Wellmann, Global Head of Tax & Customs der Mercedes-Benz Group.
„Es wäre arrogant anzunehmen, dass es Dinge gibt, die nur der Mensch machen kann. Das haben die letzten Jahre gezeigt.“ Dies gelte seiner Ansicht nach auch für die soziale Interaktion: „KI ist in meiner Wahrnehmung sehr empathisch geworden, gerade in der alltäglichen Kommunikation kann sie schon viel leisten.“ Wellmann betont: „Der Berufsstand muss sich gut überlegen, wie er sich im Zusammenspiel mit KI zukünftig positionieren will.“ Dabei spielen für ihn neben fachlicher Expertise weitere Faktoren eine wesentliche Rolle. „Unter Einsatz von KI müssen Steuerberater günstiger und schneller werden“, lautet seine Erwartung.
Insgesamt zeigt sich unter Steuerfachkräften ein einheitliches Meinungsbild: KI ist schon heute ein unverzichtbarer Bestandteil im Alltag vieler Beratungshäuser und wird diesen Markt zukünftig weiter für sich erobern. Die Branche sieht darin vor allem eine Chance statt einer Bedrohung. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass der Einsatz von KI die Arbeit zunehmend von repetitiven sowie klassischen Einstiegstätigkeiten wegverlagert und damit die Basis für Berufskarrieren ändert: Unternehmen werden stärker auf erfahrene Mitarbeitende angewiesen sein und müssen Nachwuchskräfte schneller fördern, während sich junge Hochschulabsolvent:innen auf einen deutlich schwierigeren Berufseinstieg einstellen müssen.
Das vielzitierte Effizienz- und Entlastungsversprechen der KI bedeutet zudem, dass grundsätzlich weniger personelle Ressourcen erforderlich sein werden. Die Technologie kann Routinetätigkeiten übernehmen und Kapazitäten freisetzen, ohne dass der Bedarf an erfahrenen Beratern verschwindet. In der Steuerberatungsbranche bleibt die Technologie so lange eine Chance, wie der Fachkräftemangel anhält – und eine grundlegende Entschärfung dieses Mangels ist nicht in Sicht.
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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)
Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert zahlreiche Branchen, und die Steuerberatung ist keine Ausnahme.